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Leben im Denkmal (14): Designermöbel statt Webstühle

Leben im Denkmal (14): Designermöbel statt Webstühle

Das alte Fabrikgebäude des ehemaligen Unternehmers Emil Flüß erstrahlt heute im neuen Glanz.

Wichlinghausen. Wo einst große Maschinen Tag und Nacht liefen, und Fabrikarbeiter Geld für ihre Familien verdienten, leben heute Wuppertaler in Luxus-Lofts. Im eigenen Heim vom stressigen Arbeitsalltag abschalten und das moderne Familienleben gestalten — das ermöglichen nun die großen Fabrikhallen der Wuppertaler Industriellen.

Für die Textilindustrie war Wuppertal bekannt. Ab Ende des 19. Jahrhunderts schossen Fabrikgebäude in Wichlinghausen wie Pilze aus der Erde — rote Backsteinfassaden und Jugendstilornamente standen als Zeichen für die Blütezeit des Stadtteils. Ab 1909 wurden Langerfeld und Wichlinghausen zu den Hauptstandorten der geklöppelten Spitzenindustrie. Heute undenkbar, dass diese Viertel über die Grenzen der Stadt bekannt waren. Nach Schließungen, Pleiten und Produktionsstopps ab Mitte des 20. Jahrhunderts fielen die Stadtteile in einen langen Schlaf.

Das Paar Bernhard Kazner und Claudia Neuhaus ist ein Beispiel dafür, dass Wichlinghausen als Wohnort wieder ein Stück der einstigen Bedeutung gewinnt. Die alte Bandwirker Fabrik von Emil Flüß an der Kreuzstraße — gebaut 1906 — wurde 2008 von Kazners Freund entdeckt und wieder zum Leben erweckt. „Ich war auf der Suche nach einer alten Immobilie, ein Bergischer Bauernhof oder Ähnlichem. Aber als ich hier drin stand, hat mich das wahnsinnige Raumerlebnis überrollt“, erzählt Bernhard Kazner. Der 210 Quadratmeter große Fabrikraum befand sich noch im originalen Zustand — kein Strom, kein Wasser, kein Fußboden. Eine Herausforderung für den Eigentümer.

„Ich saß den ganzen Nachmittag hier und habe mir überlegt, wie ich den Raum aufteilen und gestalten kann“, sagt er. Das überwältigende Raumgefühl ist erhalten geblieben. Die vier Meter hohen Decken und die Front aus 18 bodentiefen Fabrikfenstern lassen den Raum scheinbar richtig durchatmen. Galerien, Trennwände, die nicht bis unter die Decke reichen und der offene Ess- und Wohnbereich, erhalten das Raumgefühl, das Bernhard Kazner beim ersten Betreten der Fabrikhalle begeistert hat. „Ich habe mich gefühlt wie ein kleines Kind in einer großen Turnhalle.“

Unmittelbar nach dem Kauf fing Bernhard Kazner mit dem Umbau an. „Wir waren hier manchmal zehn Personen und haben gearbeitet. Vieles habe ich selbst gemacht.“ Damit das Denkmal erhalten werden konnte, durfte der Eigentümer nichts an der Außenfassade verändern. Vor dem Eingang blitzt das Wappen des Denkmalschutzes und Tafeln erinnern an die Produktionsjahre des Gebäudes.

Kazner hat das Historische mit in sein modernes Loft einfließen lassen. Wand-Passagen zeigen den ursprünglichen Backstein. „Mein Stiefvater hatte eine Baufirma und ich habe von der Pike auf gelernt. Das hat mir ziemlich viel Geld gespart“, sagt er. Nach vier Monaten war der Umbau fertig und Kazner verbrachte die erste Nacht alleine in dem großen Loft: „Ich habe mich ganz einsam gefühlt“, erzählt er. Erst als seine Lebensgefährtin Claudia Neuhaus zu ihm zog, war sein neues Heim komplett. „Wir haben dann noch einmal umgebaut, weil Claudias Tochter Elisa mit zu mir zog“, erzählt der Eigentümer.

Die alte Bandwirkerfabrik hat nach jahrelangem Vergessen wieder an Bedeutung in Wichlinghausen gewonnen. Einst brachte sie Reichtum nach Wuppertal, heute lockt sie Familien in den Stadtteil. Bernhard Kazner beobachtet die Entwicklung schon länger: „Anfangs fand ich immer einen Parkplatz, heute ist es sehr viel schwieriger — hier in Wichlinghausen passiert etwas.“