Bilder erzählen Stadtgeschichte: Der zornige Blick von Helmut Kohl

Bilder erzählen Stadtgeschichte : Der zornige Blick von Helmut Kohl

In der Serie „Bilder erzählen Stadtgeschichte“ erinnert sich WZ-Fotograf Kurt Keil an sein schwieriges Verhältnis zum Kanzler der Einheit.

Wuppertal. In diesen Tagen wird in vielen Artikeln und Fernsehbeiträgen an die großen Verdienste Helmut Kohls erinnert. Doch selbst Bundestagspräsident Norbert Lammert verschwieg in seiner Trauerrede im Bundestag nicht, dass der verstorbene Kanzler der Einheit auf Harmonie in allen Lebenslagen keinen Wert gelegt hat. Diese Erfahrung machte der frühere WZ-Fotograf Kurt Keil bei einigen der eher seltenen Auftritten des Pfälzers im Bergischen Land. Ein dankbares Motiv für Fotografen war Helmut Kohl schließlich nie.

So auch nicht während des Bundestagswahlkampfs 1976, als Kohl in der Stadthalle einen Wahlkampfauftritt hatte. Als Spitzenkandidat von CDU/CSU verpasste der stattliche Pfälzer im grauen Anzug die absolute Mehrheit später nur knapp, ging aus der Wahl aber dennoch als Verlierer hervor, weil sich die Sozialliberale Koalition mit Helmut Schmidt gerade noch über die Ziellinie rettete.

„Aus Liebe zu Deutschland“ stand auf einem Transparent, das an der Brüstung der Galerie befestigt war. „Es waren die Zeiten, als die Sicherheitsvorkehrungen noch nicht ganz so streng wie heute waren“, erinnert sich Kurt Keil. Und so mogelte sich der WZ-Fotograf auf die Bühne, um so den Redner und sein Publikum auf ein Foto zu bannen. „Als Kohl mich in seinem Rücken bemerkte, wurde er sehr böse. Zumindest verriet sein Blick in diesem Augenblick nichts Gutes“, erzählt Kurt Keil.

Helmut Kohl konnte aber auch anders. Als ihm zu einem späteren Zeitpunkt der damalige Bürgermeister Kurt Drees eine Dröppelmina schenkte und den Gebrauch erklärte, da strahlte der große Pfälzer im Kreis seiner CDU-Parteifreunde Wohlbehagen und Gemütlichkeit aus. Auch dies ist durch ein Foto belegt.

Schwieriger wurde es für die Fotografen, wenn Helmut Kohl aus seiner Deckung musste. 1980 auf dem Rathausvorplatz, heute Johannes-Rau-Platz, war er als CDU-Vorsitzender wieder im Bundestagswahlkampf im Einsatz. Spitzenkandidat der CDU/CSU war damals allerdings ein Bayer — Franz Josef Strauß.

Kein Fotograf durfte an diesem Tag zu Helmut Kohl hinauf auf die Bühne. Dank der Hilfe des Wuppertaler CDU-Bundestagsabgeordneten Peter Hintze gelang Kurt Keil dennoch der erhoffte Schnappschuss — mit einem winkenden CDU-Politiker am rechten Bildrand, dem Polizeimusikkorps unterhalb der Bühne sowie den dicht gedrängten Zuschauern am Barmer Rathaus im Hintergrund.

Während bei der Aufnahme dieses Fotos noch alles nach Plan lief, gestaltete sich der nächste Versuch äußerst schwierig. „Die Wuppertaler CDU wollte Kohl an diesem Tag unbedingt einen Bergischen Werkzeugkasten überreichen. Auf dem Foto sollten neben dem prominenten Besucher natürlich auch die wichtigsten Wuppertaler CDU-Politiker gut zu erkennen sein. Da Kohl aber einfach nicht zu mir rüber schaut, habe ich ihn zart am Ärmel gezupft“, erinnert sich Kurt Keil. Die Reaktion Kohls war ein Blick, den er bis heute nicht vergessen hat. „Beim Verlassen der Bühne warf er mir noch einmal einen bösen Blick zu und später wetterte er seine Bodyguards äußerst grob an: Wie kommt der überhaupt hier auf die Bühne — und kann mich auch noch anfassen?“, berichtet Kurt Keil.

Helmut Kohl und die Journalisten — das war wohl nie eine innige, herzliche Beziehung. Auch zur Stadt Wuppertal baute Kohl kein enges Verhältnis auf. Ganz im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen Johannes Rau und Hans-Dietrich Genscher, die Kurt Keil nach vielen Begegnungen in anderer Erinnerung geblieben sind.

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