Regen-Serie: Sven Plöger: Darum ist Regen für uns ein Lebenselixier

Regen-Serie: Sven Plöger: Darum ist Regen für uns ein Lebenselixier

Meteorologe und Moderator Sven Plöger spricht über schwierige Wetterprognosen — und wagt trotzdem einen Blick auf das kommende Sommer-Wetter vom Bergischen Land bis zum Niederrhein.

Wie wird das Wetter im Sommer 2018?

Sven Plöger: Es wird wechselnd bewölkt mit Sonne und teils gewittrigen Regengüssen bei schwachem bis mäßigem, in Böen starkem bis stürmischem Wind aus unterschiedlichen Richtungen. Dazu Temperaturen von zwölf bis 39 Grad. Mit anderen Worten: Ich weiß es nicht.

Warum nicht?

Plöger: Das Wetter lässt sich über einen so langen Zeitraum nicht seriös vorhersagen. Die Atmosphäre ist so komplex, da passiert so viel gleichzeitig. Denken Sie nur an die Chaostheorie mit dem Flügelschlag eines Schmetterlings in Australien. Wir können die nächsten zwei Wochen vorhersagen, aber auch das nur mit täglich zunehmender Unsicherheit. Je kürzer der Zeitraum, desto sicherer die Vorhersage. Ich kann aber gut verstehen, dass es Menschen gibt, die längere Prognosezeiträume haben wollen.

Wer zum Beispiel?

Plöger: Für Landwirte, den Tourismus oder die gesamte Logistikbranche beispielsweise ist das langfristige Wetter bedeutend.

Aber helfen können Meteorologen ihnen nicht.

Plöger: Nein, zumindest nicht in der Form, dass man eine „übliche Wetterprognose“ mit Wetterentwicklung und Temperaturen für Wochen oder Monate voraussagt. Was man hingegen versucht, ist, statistische Aussagen aufgrund von Prozessen, die langfristiger sind, zu bekommen. Zum Beispiel, indem man die Meeresströmungen berücksichtigt. Das ist kompliziert und führt allenfalls zu Aussagen wie „in den kommenden vier Monaten wird es mit einer Wahrscheinlichkeit von 60 Prozent 0,2 bis 0,4 Grad wärmer als nach dem langjährigen Mittel des Zeitraums 1981 bis 2010.“ Das ist weit weg von einer Wetterprognose, wie wir sie gewöhnt sind und die statistische Aussage trifft in diesem Beispiel auch in 40 Prozent aller Fälle nicht zu. Anders gesprochen: Wenn Ihnen jemand vor einem Flug sagt, Sie kommen mit einer Wahrscheinlichkeit von 60 Prozent sicher ans Ziel, steigen Sie mutmaßlich nicht in den Flieger.

Täuscht denn der Eindruck, dass es auch in Deutschland häufiger zu starken Regenfällen und Stürmen kommt?

Plöger: Der Eindruck täuscht nicht. Die Starkregenereignisse haben in den letzten Jahren deutlich zugenommen.

Woran liegt das?

Plöger: Wir sehen seit Jahren, dass das Eis der Arktis schmilzt. Am Nordpol wird es also wärmer. Damit sinkt der Temperaturunterschied zwischen Äquator und Pol, was dazu führt, dass der Jetstream in der Atmosphäre im Mittel schwächer wird.

Was hat das mit dem Regen in Deutschland zu tun?

Plöger: Wenn der Wind in der Atmosphäre weniger stark ist, dann bleiben Hochdruck- und Tiefdruckgebiete länger an Ort und Stelle. Das führt entweder zu längeren Trockenphasen oder zu heftigeren Regenfällen. Treten diese Regenfälle in Schauer- oder Gewitterform auf, dann können Sie zudem oft beobachten, dass die Unwetter kaum vorankommen und all ihren Regen an derselben Stelle ablassen. Dann laufen an diesem Ort die Keller voll und nur fünf Kilometer weiter bekommt kein Mensch etwas vom Starkregen mit.

Ist das schon eine Folge des Klimawandels?

Plöger: Um das auf der Zeitskala des Klimas beurteilen zu können, müssen wir 30 Jahre betrachten. Wir sehen, dass sich die Zahl dieser Ereignisse steigt, sie sich in diesem Zeitraum aber noch in einem normalen Rahmen bewegt. Wenn sich der Trend ungebrochen fortsetzt, dann werden wir diesen normalen Rahmen in Kürze verlassen. In den letzten 15 Jahren ist das längst passiert. . .

Haben Sie mit diesem Wissen Verständnis für Politiker wie Donald Trump oder Parteien wie die AfD, die den Klimawandel leugnen?

Plöger: Also, 97 Prozent aller Wissenschaftler sind sich einig, dass der Mensch das Klima beeinflusst. Es wäre ja auch absurd anzunehmen, dass wir überall auf dem Planeten unsere Fußstapfen hinterlassen, nur in der Atmosphäre nicht. Herr Trump gibt viele erstaunliche Dinge von sich, da wundert mich sein inhaltsschwaches Getöse gegen eine vom Menschen mitverursachte Klimaveränderung wenig. Ich frage mich wirklich, warum er ausgerechnet amerikanischer Präsident werden musste. Es gibt doch genug andere schöne Dinge, die man tun kann. Und dass die AfD konstruktive Problemlösungen für irgendetwas anbieten würde, ist mir bisher nicht aufgefallen. Aber das machen Populisten ohnehin selten.

Welche Rolle spielen Meteorologen in der Diskussion?

Plöger: Wir müssen leicht verdaulich erklären, was passiert. Was derzeit geschieht, ist global und geht viel schneller als je zuvor. Beispielsweise leben weltweit 150 Millionen Menschen in Gebieten weniger als einen Meter über dem Meeresspiegel. Wenn das Wasser weiter steigt, haben wir eine Völkerwanderung, wie es sie in der Erdgeschichte noch nie gegeben hat. Das geht uns auch an.

Haben Sie eigentlich geplant, als Meteorologe ein Fernsehstar zu werden?

Plöger: Ein Star bin ich ja nicht, ich sage Wetter voraus.

Aber bekannt sind Sie auf jeden Fall.

Plöger: Das stimmt. Und es kommt wirklich oft vor, dass ich auf der Straße angesprochen werde.

Stört Sie das?

Plöger: Nein, denn die Leute sind immer freundlich. Manche Berühmtheit hat mir aber schon erklärt, dass ihn das ständige „erkannt werden“ sehr nervt. Ich rate in solchen Fällen mit öffentlichen Auftritten aufzuhören, dann endet das sofort. Schließlich wird niemand dazu gezwungen. Über den erstaunten Blick muss ich dann zuweilen schmunzeln.

In erster Linie sind Sie Wetterwissenschaftler. Wie viel Wissenschaft ist noch in Ihrem Berufsalltag?

Plöger: Die Arbeit im Fernsehen macht lediglich 30 Prozent aus und da mache ich meine Vorhersagen auch selbst in einem Miniteam mit einem Kollegen. Es war übrigens nie mein Plan, ins Fernsehen zu gehen. Da bin ich irgendwie hineingestolpert, weil gerade jemand fehlte und ich anscheinend die Fähigkeit habe, manchmal vernünftige Sätze mit Subjekt, Prädikat und Objekt zu bilden.

Spüren Sie als Fernsehmeteorologe eigentlich Konkurrenz durch Wetterapps?

Plöger: Bisher nicht. Unsere Quoten sind sehr gut, was auch daran liegt, dass das Wetter etwas ist, was wirklich jeden betrifft. Außerdem sehen wir Apps eher als Ergänzung. Sie sagen, wie das Wetter gerade ist. Wir sagen es am Abend vorher verlässlich voraus und ordnen es dabei auch noch regional ein.

Können Sie zum Schluss mal das Vorurteil entkräften, dass es im Bergischen Land häufiger regnet als am Niederrhein?

Plöger: Ich fürchte, das kann ich nicht. Die Regenkarte des Landes NRW stimmt sehr gut mit der Topographie überein. Wir haben häufig eine Westwetterlage. Die Wolken kommen von den Niederlanden her. An den Hügeln des Bergischen Landes steiget die Luft auf, wird dabei kälter. Und dann passt weniger Wasserdampf hinein. Es bilden sich Wolkentröpfchen und es regnet gerne mal. Das ist weiter östlich im Sauerland ebenso. Aber das heißt nicht, dass es am Niederrhein nicht regnet. Ganz im Gegenteil, und Regen ist für die Natur und damit für uns ein wirkliches Lebenselixier.

Mehr von Westdeutsche Zeitung