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Bundestagswahl im Kreis Viersen: CDU und SPD zeigen sich deprimiert und schockiert

Bundestagswahl im Kreis Viersen : CDU und SPD zeigen sich deprimiert und schockiert

Beide Parteien erleben im Kreis Viersen ein Debakel. Uwe Schummer (CDU) gewinnt das Direktmandat. Ebenfalls in Berlin: Udo Schiefner (SPD) und Kay Gottschalk (AfD).

Kreis Viersen. Andreas Kaiser, Schulleiter in Tönisvorst, versandte am Freitag die Rednerliste zur Gründungsfeier der Rupert-Neudeck-Gesamtschule am 6. Oktober. Sowohl hinter Uwe Schummer als auch hinter Udo Schiefner stand die Abkürzung „MdB“, Mitglied des Deutschen Bundestags. Das stimmte vor dem Wahlsonntag. Und das stimmt auch über die Stimmenauszählung dieses 24. Septembers hinaus.

Aber seit Sonntagabend ist klar: Der Willicher Schummer (CDU) und der Kempener Schiefner (SPD) werden künftig nicht mehr in einer Großen Koalition miteinander arbeiten.

Das starke Abschneiden der AfD bundesweit führt dazu, dass es einen MdB Nummer 3 gibt, der auf dem Wahlzettel des Kreises Viersen stand: Kay Gottschalk (51, Wohnsitz in Hamburg, Zweitwohnsitz nach eigenen Angaben in Nettetal). Er hat einen sicheren Listenplatz in NRW und wird ebenfalls in den Bundestag einziehen.

Die Wahlbeteiligung im Kreis Viersen lag diesmal bei über 76 Prozent, das ist etwas höher als vor vier Jahren. Damals gingen 73,6 Prozent der Stimmberechtigten zur Wahl.

Uwe Schummer (59) hat wieder überzeugend sein Mandat im Wahlkreis 111 geholt. Direkt gewählt zum fünften Mal. Seit 2002 ist der Neersener die CDU-Stimme des Kreises Viersen im Berliner Parlament. Mit dem Slogan „Erfahrung schafft Vertrauen“ war der Christdemokrat angetreten. Mehr als fünf Prozent weniger als 2013 haben ihm allerdings diesmal das Vertrauen geschenkt. Schummer hat trotzdem mit mehr als 47 Prozent die Konkurrenz im Kreis weit hinter sich gelassen. Sein Erststimmen-Ergebnis ist deutlich besser als das der Zweitstimmen für die CDU im Kreis Viersen.

Wie ein strahlender Sieger tauchte Schummer am Sonntagabend dennoch nicht im Kreishaus auf. „Ich bin deprimiert hierher gefahren. Das ist das schlechteste Ergebnis für die Union seit Jahrzehnten. Für die SPD ebenfalls.“ Bundesweit eine Million Wähler an die, so Schummer „völkisch-nationalistische AfD“ verloren zu haben, sei ein „Schlag in die Magengrube“.

In diesem Wahlkampf sei es nicht mehr um die „seit den 70er Jahren klassischen Themen starke Wirtschaft, solide Haushaltsführung und Kampf gegen Arbeitslosigkeit“ gegangen, sondern „um Flüchtlinge, Zuwanderung und innere Sicherheit“. Und um Bildung, „eigentlich ein Landesthema“. Schummer: „Die AfD kann radikaler formulieren.“ Die Union werde nun Antworten finden müssen. Er, Schummer, setzt auf eine Regierung der demokratischen Kräfte. Zu einer möglichen Koalition sagt er: „Jamaika fände ich spannend, wenn auch schwierig.“

Auch Udo Schiefner (SPD, 58) wird weiter kommunal- und bundespolitisch zwischen dem Niederrhein und der Bundeshauptstadt pendeln. „Ich habe gute Arbeit geleistet“, hatte der Sozialdemokrat im Wahlkampf selbstbewusst gesagt. 25 Prozent der Wähler im Kreis sahen das auch diesmal so. Gestern war es trotzdem ein bitterer Abend. Schiefner musste bangen, wusste zunächst nicht, ob sein als sicher geltender Listenplatz 11 für Berlin ausreicht. Stand 22.10 Uhr war Schiefners Einzug ins Parlament aber klar.

„Ich bin tief enttäuscht und schockiert“, so Schiefner über das Abschneiden seiner eigenen Partei. Das sei eine schwierige Stunde für die SPD. Und tiefe Sorge bereite ihm das starke Abschneiden der AfD. Für Schiefner stand schon nach der ersten Hochrechnung fest, dass die SPD nicht wieder in die Große Koalition einsteigen könne. „Wir dürfen nicht die Rolle der stärksten Opposition der AfD überlassen.“

Andreas Bist (39, aus Brüggen) hatte vor vier Jahren einen rabenschwarzen Wahlsonntag für sich persönlich und seine Partei erlebt. Die Fünf-Prozent-Hürde war damals für die Liberalen bundesweit zu hoch. 2017 zieht die FDP wieder in den Bundestag. „Schön. Ein Traum“, kommentierte Bist die ersten Zahlen. Später, als die Hälfte der Stimmbezirke für den Kreis Viersen ausgezählt war, meinte er zu den 16 Prozent für seine Partei: „Unser Kreisergebnis freut mich sehr. Es zeigt, dass wir wieder die Unterstützung unserer Wähler haben.“ Die Große Koalition sei im Bund abgestraft worden.

Jürgen Heinen (56, Schwalmtal), Bundestagskandidat von Bündnis 90/Die Grünen, kämpfte zum ersten Mal um ein Mandat. Er zeigte sich zufrieden mit dem Ergebnis. Im Kreis Viersen sei es entscheidend gewesen, dass man sich im Gesamtkonzept besser als 2013 positioniert habe. Heinen holte bei den Erststimmen gut 6,6 Prozent.

Ohne Listenplatz ging Christoph Saßen (39) im Kreis für Die Linke in den Bundestagswahlkampf. Sein Ziel war es, die Partei zu stärken. „Wir haben im Kreis unser Ergebnis gehalten“, sagte der Viersener und verfolgte äußerlich entspannt die Ergebnispräsentation im Kreishaus. Bei den Erststimmen legte er leicht zu.

Kay Gottschalk von der AfD kam am Sonntag nicht ins Kreishaus. Er holte rund 7 Prozent der Erststimmen im Wahlbezirk 111. Das Zweitstimmenergebnis der Partei: 7,5 Prozent, das sind mehr als 12 500 Wählerstimmen.