Wald-Serie: Paradies für Wasserdrachen

Wald-Serie: Paradies für Wasserdrachen

Latumer Bruch und Egelsberg sind Oasen für Molche, Schmetterlinge und das Froschkraut.

Krefeld. Im Unterschied zu den anderen Krefelder Wäldern sind das Latumer Bruch und der Egelsberg sogenannte FFH-Gebiete (Fauna, Flora, Habitat), die unter besonderem europäischen Naturschutz stehen. Im Rahmen des Projektes „Natura 2000“ baute die Europäische Union in den vergangenen Jahren länderübergreifend ein Schutzgebietsnetz auf und wies diese beiden Krefelder Gebiete als besonders schutzwürdig aus. „In den FFH-Gebieten stehen Tiere, Pflanzen und Lebensräume unter intensivem Schutz. Im Latumer Bruch werden jetzt eine Schmetterlings- und eine Molchart, am Egelsberg eine seltene Pflanze besonders geschützt“, freut sich Heino Thies, Abteilungsleiter im Krefelder Fachbereich Grünflächen, über die Einstufung seitens der EU.

Auch am Egelsberg, auf dem sich seltene Artenkombinationen entwickelt haben, zeigen die Naturschutzmaßnahmen erfreuliche Erfolge. Nachdem die Stadt das ehemalige britische Militär- und Truppenübungsplatzgelände vor mehr als zehn Jahren vom Bund zurückkaufte, wurde auf der 72 Hektar großen Naturschutzfläche der intensive Ackerbau gestoppt. Seitdem wird hier nur noch nach strengen ökologischen Vorgaben landwirtschaftlich gearbeitet. So kehrten längst verschwundene Feldvogelarten, wie die Feldlerchen und Goldammern wieder auf den Egelsberg zurück. „Wenn man den Tieren und Pflanzen ihren ursprünglichen Lebensraum wieder anbietet, kommen die früheren Bewohner auch zurück“, so Heino Thies.

Auch die geologische Entstehung des Egelsbergs ist eine Rarität: Die aus Rheinsanden und Kiesen mit einer dünnen Bodenauflage bestehende Erhebung ist der südlichste im Rheintal erhaltene nacheiszeitliche Sander. Diese hügelige Geländeform entstand bei den großen Gletscherschmelzen in Mitteleuropa, als die Schmelzbäche in den verflochtenen Flussbetten das mitgeführte Material ablagerten.

Dass der Egelsberg FFH-Gebiet wurde, hat aber einen anderen Grund. Dafür sorgte der Heideweiher, bzw. das in ihm befindliche Froschkraut, als eines der beiden letzten Vorkommen dieser Art am Niederrhein. Um den Fortbestand des Froschkrauts am Egelsberg zu sichern, waren und sind Schutzmaßnahmen nötig.

So nahm man beispielsweise zum Schutz des Krauts rund um den Weiher den Waldsaum zurück und entfernte Algen. Stadtförster Arno Schönfeld-Simon weist in diesem Zusammenhang aber darauf hin, dass in den größten Bereichen am Egelsberg, wie in den typischen Birken- und Schwarzerlenbruchwäldern, keine forstlichen Maßnahmen stattfinden. „Der Wald wird seiner eigenen Dynamik überlassen.“

Wild und urwüchsig geht es auch bei zwei weiteren Besonderheiten am Egelsberg zu. So befinden sich am Nordwest- und Ostrand des Gebiets uralte Rotbuchenwälder mit teilweise über 200 Jahre altem Baumbestand. „Dieser Wald stammt noch aus der Zeit der Waldweidenutzung, als Schweine und Kühe zur Nahrungssuche in den Wald getrieben wurden“, erklärt Schönfeld-Simon. Zudem sorgen Wanderschäfer mit ihren Schafherden für einen natürlichen Erhalt der großen Heideflächen am Egelsberg.

Nachhaltigkeit ist auch in den Waldflächen des Latumer Bruchs, das durch ein System von zwei Altrheinarmen mit Hochwasserflutmulden und flachen Bodenwellen gekennzeichnet ist, oberstes Gebot. Das Gebiet beinhaltet feuchte Standorte und dient als Brutbiotop für seltene Vogelarten, Amphibien und Insekten. Prägend für das Latumer Bruch ist der kleinflächige Wechsel von Wald, Gehölzstreifen, extensiv genutztem Grünland und offenen Gewässern mit entsprechender Ufervegetation. Im Bruch wurden zuletzt Schwarzpappelwälder neu angepflanzt. Diese früher am Fluss so typische Baumart war durch veränderte Lebensbedingungen fast vollständig ausgestorben.

Die europäischen Naturschützer hatten im Hinblick auf die FFH-Ausweisung des Latumer Bruchs aber die tierischen Bewohner in den Fokus gerückt. Zum einen den Kammmolch, dessen größte bekannte Kolonie in Deutschland sich im Greiffenhorstpark und Linner Burgpark befindet. Auf über 4000 Tiere soll sich hier der Bestand der zwölf bis 18 Zentimeter großen „Wasserdrachen“ belaufen. Zum anderen wird der Schwarzblaue Moorbläuling oder Ameisenbläuling für besonders schützenswert gehalten. Hier gibt es die letzte bekannte Mega-Population des seltenen Schmetterlings am Niederrhein. Voraussetzung für den Lebensraum des behüteten Schmetterlings ist der rotköpfige Große Wiesenknopf, ein Rosengewächs, das auf den saftigen Glatthaferwiesen des Bruchs vorkommt.

Ohnehin ist das Bruch, das durch die wechselnden Wasserstände einer eigenen Dynamik unterliegt, ein Paradies für Graspflanzen. Speziell die Seggenarten fühlen sich in diesem Lebensraum wohl. Auch Herbstkrokusse oder im Volksmund Herbstzeitlose sind charakteristisch für diese nährstoffreichen Wiesen. Im krassen Gegensatz dazu hat sich hier aber auch der Ginster niedergelassen. Der sandige, trockene und besonnte Böden liebende Busch fand hier einen Lebensraum, weil der Rhein in der Vergangenheit immer wieder für Sandaufschwemmungen sorgte.

Mehr von Westdeutsche Zeitung