Wahlverwandschaft: Die selbst gewählte Familie

Wahlverwandschaft: Die selbst gewählte Familie

Romana Straub und Ulrike Hampel haben sich über die Wahlverwandtschaften kennengelernt. Mittlerweile verbindet sie eine innige Freundschaft.

Krefeld. „Die Verwandten können mir mal den Buckel runterrutschen!“ So hat Romana Straub einst sicher nicht als einzige Jugendliche gedacht. Die Pubertät hat die 63-Jährige seit langem hinter sich, die Einstellung zur Familie ist längst eine andere, allein: Die Verwandten sind heute übers Land verteilt. „Viele Cousinen leben in Süddeutschland.“

Warum also nicht einfach eine neue „Familie“ suchen? Eine Idee, die der Verein Wahlverwandtschaften in Zeiten wachsender Vereinzelung seit 2009 verfolgt, seit 2010 gibt es eine Gruppe in Krefeld. Zum Glück für Romana Straub und Ulrike Hampel (70), die vor vier Jahren nach Krefeld zog.

Bei den beiden Junggebliebenen hat es sogleich geschnackelt. „Nach dem ersten Treffen hätte ich mich sofort wieder abmelden können“, berichtet Hampel mit verschmitztem Lächeln. „Nix da, Du bleibst!“, lautete die Antwort von Straub, denn die beiden haben eine Mission: Sie möchten auch anderen ein solches Glück ermöglichen, das ihnen zuteil wurde.

Sie wirken sehr vertraut, blinzeln sich im Gespräch mit der Zeitung immer einmal aufmunternd zu und blicken heiter entspannt auf ihre eigene Geschichte zurück. Da bleibt kein Zweifel: Hier haben sich zwei gefunden, die zusammenpassen. „Wir sind beide sprachbegabt, sind gerne draußen, zum Beispiel beim Wandern oder Boule spielen“, nennt Straub einige Aktivitäten.

Natürlich brauche eine solche Vertrautheit seine Zeit, wirft Straub ein: „Man darf nicht erwarten, dass man sofort jemanden findet.“ So können bei den regelmäßigen Treffen erste Kontakte geknüpft werden, Listen und Mails erleichtern das Halten von Verbindungen, geben einen Überblick über Interessen und darüber, wo sich wer einbringen kann und möchte — ein soziales Netzwerk quasi. Zusätzlich gibt es einen ungezwungenen Stammtisch. „Wir regen an, dass man sich auch außerhalb trifft“, sagt Straub. Und Hampel freut sich: „Auf diese Weise haben sich schon viele Leute gefunden.“

Alles in allem sei der Verein schon eine Art große Familie geworden. „Manche bringen sich mehr ein, andere weniger. Aber, wenn zum Beispiel jemand krank wird, ist sofort Hilfe da“, resümiert Hampel. Ein kleiner Wermutstropfen sei jedoch die Altersstruktur, die sich größtenteils bei 50plus bewegt. „Es wäre schon wünschenswert, wenn auch Jüngere dazustoßen und sich mehr Männer trauen würden“, lädt Straub ein.

Dass auch der Kontakt zu Älteren sehr bereichernd sein kann, zeigt ihr eigenes Beispiel: „Da wäre noch unsere Mutter“, sagen sie lächelnd. Eine 87-Jährige, die den Kontakt über das Internet gesucht, sie mittlerweile geradezu „adoptiert“ habe, wie sie augenzwinkernd berichten. Von den Ratschlägen der erfahrenen Frau profitiere nicht nur der Verein: „Sie hat mich dazu ermuntert, mir nicht alles gefallen zu lassen“, erklärt Straub, die freimütig zugibt, zuvor manchmal etwas zögerlich gewesen zu sein. Entsprechend energisch haben sich die beiden engagierten Frauen ein Ziel gesetzt: „Irgendwann soll keiner mehr in Krefeld allein sitzen“, wünschen sich Ulrike Hampel und Romana Straub.

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