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VHS-Ausstellung "50 Jahre Migration": Eine Reise ins Ungewisse

VHS-Ausstellung "50 Jahre Migration": Eine Reise ins Ungewisse

Krefeld ist längst ihre Heimat geworden: Drei Gastarbeiter erzählen aus ihrem Leben.

Krefeld. In dieser beängstigenden Enge standen sie alle einmal. Ein Hof, voll gepfercht mit Männern, deren Blicke zu einem offenen Fenster gerichtet sind. Dort steht jemand mit einer Liste.

Dieses historische Foto zeigt die Außenstelle des Deutschen Arbeitsamtes in Istanbul, wo in den 1960er Jahre Gastarbeiter angeworben wurden. Das Bild steht also nicht umsonst am Beginn der Ausstellung „50 Jahre Migration“ in der Volkshochschule.

Die Schau erinnert an den deutsch-türkischen Anwerbevertrag aus dem Jahr 1961 und das Alltagsleben der Einwanderer in den 60er und 70er Jahren.

Die Idee zu der Ausstellung hatte Fazilet Yardimici, Mitarbeiterin der VHS. Im Kontrast zur Menschenmasse in Istanbul stehen fünf Porträts in Wort und Bild. Sie zeigen Männer, die in jener Zeit schließlich in Krefeld landeten: Mehmet Polat, Ali Sayin, Recep Güney, Ahmet Parmaksiz und Cafer Sert.

Von bangen Minuten und folgenschweren Entscheidungen gibt ein anderes Bild eine beklemmende Ahnung. Hier stehen Männer nur mit Unterhosen bekleidet in einer Reihe. Einem schaut ein Mediziner in aller Öffentlichkeit — und vor dem Fotografen — in die Hose.

Ali Sayin erinnert sich auch nach mehr als 40 Jahren an seine Gesundheitsuntersuchung. Er schaffte sie nicht im ersten Anlauf, bei ihm waren die deutschen Beamten sehr kritisch. Doch in einem zweiten Versuch, nachdem ihm auch ein türkischer Arzt bestätigt hatte, dass er kerngesund sei, gelang es ihm, das begehrte Arbeitsvisum zu erhalten.

Dann stand er eines Tages mit vielen anderen Männern in München auf dem Hauptbahnhof, wo sie von einem türkischen Musikcorps begrüßt wurden. „Es gab sofort 50 Mark Taschengeld“, erinnert sich Recep Güney. Die Reisekosten trugen der deutsche Staat und die Firma, die Güney dann beschäftigt hat.

„Wir sind mit gemischten Gefühlen gekommen“, übersetzt Meltem Söylemez, Integrationsbeauftragte der Stadt Krefeld, die Worte von Mehmet Polat. „In der Türkei sagte man uns: Ihr werdet in Deutschland isoliert leben.“ Empfunden hat er es nicht so.

Güney, Sayin und Polat sind ihre Anfänge in Krefeld noch lebendig. Wenn sie Sehnsucht nach der Heimat hatten, gingen sie zum Krefelder Hauptbahnhof — in der Hoffnung auf eine „Heimatbrise aus der Türkei“. Weil es für sie der erste Ort war, wo sie den fremden Boden betreten hatten, besaß der Bahnhof für sie lange eine besondere Bedeutung. „Heute ist das ein abgeschlossenes Kapitel“, sind sie sich einig.

Recip Güney erzählt auf Türkisch mit verschmitztem Lächeln, wie er vom Vorschuss, den er nach seinen ersten 15 Tagen bekam, ein Rückflugticket kaufen wollte. Doch auf der Schwelle zum Reisebüro hielten ihn Freunde ab. Heute meint er: „Freiwillig will ich Deutschland nicht mehr verlassen, nicht mehr in eine andere Stadt als Krefeld.“

Die Stadt, die sie damals noch mit ihren Kriegsschäden kennen lernten, ist zu ihrer Heimat geworden. Doch in der deutschen Sprache sind die drei in 40 Jahren nicht recht heimisch geworden.

Auch völlig unerwartete Geschichten sind in der Ausstellung zu finden. Doris Schlimnat, stellvertretende Leiterin der VHS, kann da mit Frauenschicksalen aufwarten, die gar nicht dem bekannten Muster entsprechen.

Auch junge Frauen machten sich damals auf den Weg in die Ferne. Eine ungewöhnlich selbstbewusste war Emine Üngör. Die Ehefrau eines Bankangestellten verließ mit 34 Jahren die Türkei, um sich mit selbständiger Arbeit als Schneiderin ihren Lebenstraum zu erfüllen. Für die beiden Kinder zu Hause führte sie ein Fototagebuch, das die Zeiten anschaulich illustrierte.

Gegen Anfälle von Heimweh schickte ihr der Ehemann Schallplatten mit türkischer Musik an den Niederrhein. Zum Familientreffen reisten Mann und Kinder aus der Türkei zur Mutter nach Krefeld. Die Tochter fand ihr Zuhause ebenfalls hier.