Stadt toleriert Trauer am Straßenrand

Stadt toleriert Trauer am Straßenrand

Krefeld. Erst wenige Monate sind seit dem schrecklichen Unfall vergangen: Im September des vergangenen Jahres geriet ein 22-jähriger Radfahrer am Dießemer Bruch unter den Vorderreifen eines Betonmischers, der nach rechts direkt auf die Überholspur abbiegen wollte.

Der 22-Jährige verstarb. Heute erinnern an der Kreuzung mit Blumengirlanden umwickelte Grablichter und ein kleines Metallkreuz, das Trauernde mit Kabelbinder an der Ampel befestigt haben, vermutlich an das furchtbare Unglück.

Ihrem Verlust Ausdruck verliehen haben Trauernde auch an der Oberdießemer Straße. Im September 2011 war ein 24-jähriger Mann dort von einem Auto überrollt worden und ums Leben gekommen. An der Unfallstelle, vor der Autolackiererei Beckmann, liegen frische, mit einem violetten Band umwickelte Zweige. Am Zaun, der das Firmengelände vom Bürgersteig trennt, hängen gerahmte Abschiedsworte. „Man sagt, jeder Mensch ist ersetzbar. Du nicht“, steht dort unter anderem. Und: „Manchmal ist gestern heute. Danke, dass du uns so nah bist.“

Martin Schumann, Koordinator der Notfallseelsorge Kreis Viersen, begleitet Angehörige, deren Familienmitglied von einer Sekunde auf die andere aus dem Leben gerissen wurde, an den Unfallort. „Wenn die Polizei zusammen mit einem Notfallseelsorger die Nachricht überbringt, dass ein geliebter Mensch gestorben ist, bleibt dies für viele Angehörige etwas Abstraktes“, erzählt er. „So entsteht das Bedürfnis, an den Ort zu gehen, wo der Unfall geschehen ist, vielleicht etwas mitzunehmen“, sagt Schumann weiter. „Aber am Ort des Unglücks findet sich nichts Persönliches.“ Deshalb ließen Trauernde häufig selbst Privates am Ort des Geschehens zurück, ein paar Steine, Kerzen, Plüschtiere, Briefe.

Oder Kreuze — wie am Boomdyk in Hüls. Dort war im März 2005 ein 21-Jähriger in einer Rechtskurve mit seinem Wagen von der Straße abgekommen. Das Auto prallte gegen einen Baum. Der junge Mann starb, bevor Helfer ihn in ein Krankenhaus bringen konnten. Auf dem Holzkreuz sind Geburts- und Todesdatum und die Initialien des 21-Jährigen eingraviert. Der Unfall ereignete sich vor rund acht Jahren, noch heute zünden Angehörige oder Freunde an dieser Stelle Grablichter an, legen frische Tannenzweige ab. „Der Ort des Gedenkens ist der Friedhof, die Stätten am Straßenrand aus der ersten Trauer heraus geboren“, sagt Schumann. Doch jeder Mensch trauere auf seine Art. „Manche Menschen brauchen länger als andere, um das Unglück zu verarbeiten“, erklärt er.

Die Stadt Krefeld respektiert die Gedenkstätten am Straßenrand. Zwar seien sie aus ordnungs- und nutzungsverwaltender Sicht unzulässig, die Verwaltung nutze aber von Fall zu Fall ihren Ermessensspielraum aus psychologischen Gründen, heißt es aus dem Presseamt. So finde sich unter anderem an der Straße Glockenspitz, Nähe Schönwasserstraße, ein kleines Kreuz im Grünstreifen neben den Straßenrand, das auf einen tödlich verlaufenden Unfall eines Jugendlichen hinweise. „Dieser Gedenkhinweis wird vom Fachbereich Tiefbau vorübergehend toleriert, weil er nicht verkehrs- und sichtbehindernd aufgestellt ist und auch gepflegt wird.“ Für die Verkehrssicherheitsaktion „Krefelder Fairkehr“ sei diese sichtbare Mahnstelle zudem ein kleiner Beitrag zum Nachdenken über mehr Verkehrssicherheit. „Sollten diese Mahnstellen nicht mehr gepflegt werden, wird sich die Stadt mit den Aufstellern in Verbindung setzen und die Mahnstelle gegebenenfalls entfernen lassen.“

Auch die Polizei hat die Hoffnung, dass Kreuze am Straßenrand — ähnlich wie die White Bikes, die an Unfallstellen mahnen — Raser dazu anhalten, vom Gas zu gehen. Schumann ist davon allerdings nicht überzeugt: „Wir erkaufen uns unsere Mobilität mit dem Risiko, zu sterben. Wir wollen uns aber nicht an unsere Sterblichkeit erinnern lassen.“ Auch nicht von den Gedenkstätten am Straßenrand.