Schutz vor der eigenen Familie

Schutz vor der eigenen Familie

Immer mehr Kinder werden wegen Verwahrlosung oder Misshandlung in Obhut genommen.

Krefeld. Die Zahl der Inobhutnahmen steigt in Nordrhein-Westfalen seit Jahren an, das geht aus einer Erhebung von IT NRW hervor. Auch für Krefeld verzeichnet das statistische Landesamt trotz teils deutlicher Schwankungen insgesamt eine Zunahme der Fälle. Mussten im Jahr 2004 noch 45 Kinder und Jugendliche wegen Verwahrlosung oder Misshandlung ihre Familien zumindest vorübergehend verlassen, so waren es im Jahr 2011 bereits 78.

Beatrix Raedt berichtet sogar von noch höheren Fallzahlen. Die Erziehungsleiterin des Kinderheims Marianum schätzt, dass in ihrem Notaufnahmebereich mindestens 150 Kinder und Jugendliche im Jahr Zuflucht finden. Sie glaubt aber, diese Diskrepanz der Zahlen erklären zu können. Zum einen würde das Marianum auch Kinder von außerhalb aufnehmen, zum anderen sei der Aufenthalt der Kinder zeitlich manchmal nur auf wenige Stunden begrenzt: „Das sind dann häufig sogenannte Klaukids. Die werden von der Polizei vorbeigebracht und machen sich dann schnell wieder vom Acker. Wir können hier ja nicht abschließen, schließlich sind wir kein Jugendknast.“ Im Übrigen seien diese „Klaukids“ auch nicht die eigentliche Zielgruppe, das seien die verwahrlosten oder misshandelten Kinder und Jugendlichen.

Timo Bauermeister, Pressesprecher der Stadt, beschreibt, in welchen Fällen das Jugendamt die Kooperation mit einer Einrichtung wie dem Marianum suche: „Die Kinder leben in verwahrlosten Wohnungen, zum Teil mit mehreren Hunden und Katzen, sind der alkoholabhängigen Tagesform ihrer Eltern ausgesetzt, erleben Gewalt als Teil ihres Alltags.“

Auf solche Fälle werde das Jugendamt auf zweierlei Art aufmerksam: Einerseits gebe es die sogenannten Selbstmelder — Jugendliche, die von sich aus Hilfe suchen. Andererseits gebe es die Fremdmelder — Verwandte, Nachbarn, Lehrer oder Ärzte, die auf Kinder in Not aufmerksam machen.

Egal ob Selbst- oder Fremdmelder, die meisten Eltern würden gegen die entsprechenden Maßnahmen des Jugendamts nur anfangs Widerstand leisten. Zumal möglichst immer eine vorläufige Inobhutnahme statt einer endgültigen Herausnahme der Kinder angestrebt werde: „Oberstes Ziel ist der Familienerhalt.“

Bauermeister räumt aber auch ein, dass es Familien gebe, bei denen das Jugendamt oder sogar die Polizei immer wieder eingreifen müsse — wegen einer „Mechanik von Eskalation und Beruhigung wie Regen und Sonnenschein“.

Auch der Notaufnahmebereich des Marianums habe einige „Stammkunden“, wie Beatrix Raedt berichtet: „Die sind aber eher selten. Normalerweise funktioniert die Wiedereingliederung.“ Ermöglicht werde die vor allem durch Sozialarbeiter und deren ambulante Maßnahmen nach der eigentlichen Inobhutnahme. Dabei handele es sich um eine Kombination aus Hilfe und Kontrolle.

Aber auch während der üblicherweise rund zweiwöchigen Inobhutnahme sei die Zusammenarbeit mit den Eltern gut — meistens. „Manchmal kommt es zu Eskalationen; Eltern, die hier auftauchen und Rabatz machen. Dann müssen wir Hausverbot erteilen.“

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