Portrait: Ein echter Ostfriese in Krefeld

Portrait: Ein echter Ostfriese in Krefeld

Als junger Mann musste Bernhard Sperg seine Heimat verlassen und landete schließlich in Krefeld. Doch so ganz ohne Salzluft und Meeresrauschen kann und will der 80-Jährige nicht sein.

Krefeld. Das Reihenhaus der Spergs in Krefeld-Oppum ist leicht zu finden: Der Mülleimer am Straßenrand ist mit Aufklebern übersät, die von Touren ins „Milchland Niedersachen“, auf die Insel Helgoland und zum Nordseebad Carolinensiel-Harlesiel zeugen.

Auch ein „Moin-Moin“-Sticker ist dabei. Und über dem Garagentor prangt ein großes Schild mit dem Wahlspruch „Eala Frya Fresena“. Der Hobby-Schnitzer, der die Worte ins Eichenholz getrieben hat, übersetzt sie so: „Es lebe das freie Friesland.“

Auf dem Papier ist Bernhard Sperg 80 Jahre alt. Doch wer ihn erlebt, zieht mindestens 40 Jahre ab. Das Energiebündel aus der Gemeinde Bunde, Kreis Leer, Regierungsbezirk Aurich, hält den Ostfriesenverein Niederrhein mit seinem Temperament und Humor auf Trab.

„Im Januar ist unser Grünkohl-Essen, Jahreshauptversammlung im März, Wandertag im Frühling, Grillen im Sommer, dann die Tagestour, im November wird geknobelt und Anfang Dezember ist die Weihnachtsfeier“, zählt der Vorsitzende blitzschnell die Aktivitäten im Jahreskreis auf. Außerdem frönt er dem ostfriesischen Nationalsport Boßeln und singt in einem Shanty-Chor.

Der Rentner redet nicht nur in atemberaubender Geschwindigkeit, sondern verfällt auch ab und zu in die Sprache seiner Heimat. Für Ungeübte ist er dann schlichtweg nicht zu verstehen. Doch nach Jahrzehnten am Niederrhein hat Bernhard Sperg Verständnis und übersetzt sich freundlicherweise selbst. Das ist nicht immer nötig: „Im Portugal-Urlaub habe ich mal einen Belgier getroffen und mit ihm Platt gesprochen — wir kamen gut zurecht“, erzählt er.

Im Fischerhemd samt rotem Halstuch sitzt er in seinem Wintergarten, umgeben von Fahnen aus dem hohen Norden, während seine Frau Helga zum dritten Mal Tee nachschenkt. Natürlich mit Kandisbrocken und einem Schuss Sahne, die in der Tasse eine Wolke bildet. Warum, die Frage drängt sich auf, hat dieser Ostfriese aus Leidenschaft Ostfriesland bloß verlassen?

Die Antwort lautet: wegen einer Frau. Als 18-Jähriger verliebte sich Bernhard Sperg am Dollart, doch seine Eltern sind mit der Verbindung nicht einverstanden. „Ich wurde hinauskomplimentiert.“ Mit Rad und Rucksack ging es hinaus ins Nachkriegsdeutschland. „Meine Eltern hätten es am liebsten gesehen, wenn ich als sterbender Schwan zurückgekommen wär.“

Doch sie haben die Willensstärke ihres Sohnes unterschätzt: „Ich bin nicht untergegangen, wie man sieht.“ Er macht sich auf gen Süden und heiratet schließlich doch seine Auserwählte. Nach Jahren in Nordhorn, Hamm, Dortmund und Wolfsburg landet der gelernte Müller schließlich in Krefeld. Er arbeitet erst in der Stahlverarbeitung, dann bei der Stadt im Bereich Straßenverkehr.

Einige Jahre nach dem Tod seiner ersten Frau lernt er durch diese Arbeit eine Krefelderin kennen. „Es war beim Schützenfest in Fischeln. Allerdings nicht beim Tanzen, sondern beim Schilder-Aufstellen“, erzählt das Energiebündel. 1989 wird geheiratet.

Regelmäßig zieht es Bernhard und Helga Sperg dorthin, wo die Möwen kreischen, eine steife Brise weht und die Luft nach Salz schmeckt. „Wenn ich nach oben fahre, geht mir das Herz auf“, schwärmt Bernhard Sperg. Etwas leiser fügt er hinzu, dass er inzwischen bei jeder Rückfahrt ein beklemmendes Gefühl verspüre: War es vielleicht das letzte Mal?

Doch dann kommt das unvermeidliche Thema Ostfriesenwitze aufs Tapet — und der Mann aus Bunde ist wieder fröhlich: „Diese Witze haben mir nie etwas ausgemacht. Wenn mir einer erzählt wurde, kam es eben doppelt von mir zurück“, sagt er. Und lacht.

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