Lehrer können von Affen lernen

Lehrer können von Affen lernen

Forscher Patrick van Veen gibt Erziehern Tipps gegen das Mobbing in der Schule.

Krefeld. Am Anfang stand ein Schock: Zwei Schüler in den Niederlanden hatten sich das Leben genommen. Für den niederländischen Biologen und Verhaltensforscher Patrick van Veen war es der Auslöser, seine Forschungen zu erweitern: Zu seinem Arbeitsschwerpunkt Manager-Training in Tiergärten nahm er nun den Bereich Mobbing in Schulen hinzu. Darüber referierte der Experte, von dem sich auch die niederländische Regierung in diesen Fragen beraten lässt, nun in der Zooscheune. Unter den Zuhörern rund 40 Pädagogen, die aus dem gesamten Niederrheingebiet zu dieser Fortbildung nach Krefeld gekommen waren.

Für den Biologen stellte sich der Vergleich zwischen Mobbing bei Affenpopulationen und unter Schülern als besonders interessant und aufschlussreich heraus. Während sich Forscher schon seit den 1980er Jahren intensiver mit Mobbingverhalten in der Tierwelt beschäftigen, ist das wissenschaftliche Interesse an vergleichbarem Verhalten in Schulklassen und auf Schulhöfen jünger. Daran beteiligt sich van Veen mit einem Lehrauftrag an der Universität Nimwegen. „Das ist weltweit neu, Forscher in der Schulklasse zu stationieren und zu beobachten. Vorher wurde nur mit Fragebögen gearbeitet.“

Aus seinen Erfahrungen in Klassenzimmern kann er sagen: „Die Beobachter wirken nicht bremsend — nur zwei Tage lang reagiert die Klasse auf sie und dann geht das normale Verhalten wieder los.“ Während in Affenherden irgendwann einmal das Alphatier ein „Machtwort spricht“ und Mobbing unter seinen Artgenossen unterbinden kann, ist es unter Menschen wesentlich schwieriger. Die Diskussion um die Täter- und Opferrollen wie auch die exakte Abgrenzung von Mobbing gegenüber Spiel und Hänseln sind in der Wissenschaft keineswegs schon abgeschlossen.

„Mobbing ist ein extrem altes, weltweit verbreitetes Verhalten“, sagt van Veen. „Es ist auch ein Lernprozess: Wie weit kann ich gehen?“ Dass gerade die besten Schüler oder die schlechtesten Sportler in einer Klasse bevorzugt Mobbingopfer werden, bezeichnet er als ein Vorurteil, das die Forschung nicht bestätigt. „Aber Kinder, die zu Hause mehr Aggression erfahren, haben eine größere Chance, Mobber zu werden.“

Für Claudia Kaiser, Realschullehrerin in Korschenbroich, stellt sich die Frage „Wie erkenne ich Mobbing? Wo sollte man intervenieren? Wo sollte man die Schüler in Ruhe lassen? Wann ist es nötig, denjenigen, der mobbt, in die Öffentlichkeit zu zerren? Oder macht es Sinn, das Opfer oder eine Gruppe um das Opfer zu stärken?“ Einige Tipps für die Beobachtung von Mobbing in der Schule gab van Veen den Seminarteilnehmern mit auf den Weg. Zum Beispiel das: „Fokussieren Sie Ihre Beobachtungen, das heißt konzentrieren Sie sich auf zwei, drei Kinder in einem bestimmten Zeitraum. Führen Sie ein Tagebuch.“ Wichtig sei es, auf Signalverhaltensweisen zu achten. Welche Kinder müssen ständig in der Stunde zur Toilette gehen? Verbringen sie die Pausen ebenfalls dort? Ein auffallendes sich selbst Kratzen ist auch ein Zeichen für ein Mobbing-Opfer.

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