Klassentreffen: Die Lateinmädchen von 1962

Vor 50 Jahren haben sie am Ricarda-Huch Abitur gemacht.

Krefeld. Diese Sextanerinnen waren etwas Besonderes. Sie hatten Latein als erste Fremdsprache gewählt, was damals für Mädchen nicht üblich war. Ursula Stopsack (geborene Gregor) erinnert sich noch gut, dass diese Klasse gerne als Aushängeschild präsentiert wurde. Es gab auch so eine starke Verbindung unter den „Lateinmädchen“ des Ricarda-Huch-Gymnasiums. „Wir waren eine verschworene Gemeinschaft. Da wurde keiner gehänselt, auch ich nicht, eine absolute Null im Turnen“, weiß Mittag. Jetzt trafen sie sich, 50 Jahre nach dem Abitur.

Für das Flüchtlingskind Gabriele Steib war das Einleben in die Krefelder Schulklasse nicht so leicht. „Ich hatte immer das Gefühl, ich muss kämpfen, um mich darzustellen, um etwas zu sein“. Sie war 1950 aus der DDR gekommen. Für sie, die „kein Überflieger“ war, musste Schule vor allen Dingen Spaß machen. In Kunst und Sport hatte sie immer eine Eins, der Rest war ihr unwichtig. „Die musische Seite hat sich durch mein Leben gezogen, was mir als Clown der Klasse nur Ärger eingebracht hat!“

Aus den riesigen Eingangsklassen von mehr als 50 Mädchen, wurden bis zum Abitur deutlich weniger: Die Lateinmädchen waren im Abitur gerade noch achtzehn an der Zahl. Am 31. März 1962 wurde die Abiturfeier veranstaltet. Zu diesem Anlass trafen sich — sogar aus den USA und aus Frankreich kommend — die Damen am Samstag in Badde’s Restaurant. Fünf Jahre zuvor hatte man sich das letzte Mal gesehen.

Susanne Mittag erinnert sich noch gut an die Abiturfeier und an das Inselbändchen „Herbstfeuer“ von Ricarda Huch, das die Abiturientinnen mit dem Spruch des Schriftstellers Reinhold Schneider „Euch wird ein Weg, wenn ihr es wagt zu schreiten“ und einer Widmung der Direktorin, „der Porten“, geschenkt bekamen. Mittag, die selber Lehrerin wurde, wünscht sich in ihren Unterrichtsstunden die Ruhe, die zu ihrer Schulzeit selbst in den riesigen Klassen herrschte.

Damit es auch in den Pausen stiller zuging, las man aus spannenden Büchern vor, wobei Enid Blyton die bevorzugte Autorin war. „Es hat aber nicht viel Ruhe gebracht!“ Amüsant ist es zu hören, dass die Mädchen von einst, ihre Lehrerinnen als „alte“ Frauen empfanden. Viele Lehrerinnen waren unverheiratet oder Kriegerwitwen. Da war es schon sehr außergewöhnlich, dass eine Referendarin mit Anfang 30 schwanger wurde. „Wie kann man in dem Alter noch ein Kind bekommen?“, fragten sich damals die erstaunten Schülerinnen.

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