Heinz Strunk: Ein Bierzeltmusiker packt aus

Heinz Strunk: Ein Bierzeltmusiker packt aus

Heinz Strunk liest in der Kufa aus „Fleisch ist mein Gemüse“ – und 80 Zuhörer sind begeistert.

Krefeld. Plötzlich muss Heinz Strunk kurz über eine eigene Episode lachen. Er sitzt in der Kulturfabrik auf der Bühne und liest einige Passagen aus seinem unfassbar komischen Buch "Fleisch ist mein Gemüse" vor. Es ist die autobiografisch gefärbte Geschichte eines talentierten und von der Pubertät stark gezeichneten Saxofonspielers, der in einer unsagbar schlechten Tanzkapelle namens Tiffany’s auf Schützenfesten, Hochzeiten oder Silvesterfeiern spielt.

"Tanzmusik", so klärt Heinz Strunk das Publikum politisch wenig korrekt auf, "ist die dritte Welt der Musik." Doch in dieser muss Strunk nun einmal auskommen - hat er sich doch nur allzu lange mit Nichtstun beschäftigt. Das Leben des bemitleidenswerten Strunk muss jedes Klischee von deutscher Spießigkeit ertragen - ob es das kleine Reihenhäuschen im Landkreis Harburg ist, in dem Strunk aufwächst, oder die Anlässe, bei denen Tiffany’s spielen muss: Das Schützenfest in Moorwerder oder das Silvesterkonzert im Landgasthof Peters in Bad Alsdorf. Genau da ist Strunk in der Lesung nun angekommen. Ein Mädchen nähert sich bei einem Auftritt Bandleader Gurki und fordert: "Spielt mal ‚Vangelis’ von Henry Maske." Strunk blickt kurz von seinem Manuskript auf die rund 80 Zuschauer in der Kufa, lacht und sagt: "So etwas kann man sich gar nicht ausdenken."

Tiffany’s, die "pickligen Harlekine im Clownsgewand", spielen überall die immergleichen Lieder im Spektrum zwischen Schnulzenschlager und Schunkelhits. Strunk muss diese zwölf Jahre seines Lebens gehasst haben.

Doch genau darin liegt der Clou: Strunk arbeitet nicht krampfhaft auf Pointen zu, das Gesamtkunstwerk "Fleisch ist mein Gemüse" spricht für sich. Die von Sprachwitz gespickten Geschichten bewegen sich in einer gelungenen Mischung zwischen Tragik und Komik.

Durch einen simplen Verwandlungsprozess hatte sich Strunk zu Beginn der Veranstaltung von einem gut gekleideten Menschen in einen üblen Achtziger-Jahre-Showband-Musiker verwandelt: Er drehte sein braunes Sakko einfach auf die linke, hellrosa-glitzerfarbene Seite um. "Swing time is good time, and good time is better time" - das sinnfreie Partymotto der Band Tiffany’s, durfte ebenso wenig fehlen wie der Live-Beweis von Strunks Saxofonkönnen - er spielte die Schnulzen "Blue Spanish Eyes" und "Time is tight".

Bei soviel Ehrlichkeit gegenüber sich selbst gönnt man es Strunk, der im wirklichen Leben Mathias Halfpape heisst, dass er nun mit Mitte 40 das Sakko auf die richtige Seite umdrehen kann.