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Hände weg von Schildkröten, Bartagame und Leguanen

Hände weg von Schildkröten, Bartagame und Leguanen

Zoo und Tierheim schlagen Alarm: In Krefeld werden immer häufiger exotische Tiere ausgesetzt.

Krefeld. Sie sind modisch, außergewöhnlich und halten immer öfter Einzug in deutsche Haushalte: Reptilien. Doch die Haltung der prähistorischen Exoten und die damit einhergehenden Kosten wachsen manchen Haltern über den Kopf, mit zum Teil schlimmen Folgen für die Tiere und die hiesigen Auffangstationen wie Zoo und Tierheim.

Dort wird der Trend um Leguan, Schildkröte und Co. mit Skepsis betrachtet, denn die Zahl der abgegebenen Fundtiere hat inzwischen ungeahnte Ausmaße angenommen.

Dem ehemaligen Leiter des Krefelder Tierheims, Dietmar Beckmann, platzt beim Thema Reptilien regelrecht der Kragen. Er sieht schlicht keinen Sinn in der Anschaffung eines solchen Tiers. „Zu einem Hund, einer Katze oder auch einem Kaninchen kann man eine emotionale Bindung aufbauen“, sagt er. „Reptilien haben aber überhaupt kein Interesse am Menschen.“ Beckmann betrachtet die Haltung von Bartagamen, Leguanen, Schildkröten und Schlangen als reine Tierquälerei. „Die werden in einen Glaskasten gesteckt und müssen den Rest ihres einsamen Lebens dahinvegetieren. Kein wirklicher Tierfreund würde so etwas befürworten“, sagt er sichtlich wütend.

Dass besonders in den letzten vier Jahren die Zahl der abgegebenen Reptilien rapide angestiegen ist, sieht Beckmann in der fehlenden Sorgfalt und der steigenden Verantwortungslosigkeit der Menschen begründet: „Die Leute sehen im Fernsehen einen Leguan und denken sich: Toll, den will ich auch haben. Dann wird schnell im Internet gesurft und ein Reptil für 30 Euro gekauft. Dabei machen sich die Wenigsten Gedanken um artgerechte Tierhaltung und die Folgekosten.“

Diese können aufgrund der stromfressenden Wärmelampen und der Anschaffung von Terrarien übers Jahr gerne einmal in den vierstelligen Bereich gehen. „Dann werden die Tiere entweder ausgesetzt oder landen bei uns“, klagt Beckmann. Waren es im Jahr 2009 noch 19 Exoten, die den Weg zum Tierheim fanden, stieg die Zahl im Jahr darauf gleich auf 29 an. Im November 2012 zählte das Tierheim bereits 24 abgeschobene Reptilien. „Der Höchstwert wird in diesem Jahr gewiss noch eingestellt werden“, prophezeit Beckmann.

Im Zoo sind die Sorgen um ausgesetzte Exoten ungleich größer. „Oft werden Schildkröten oder Echsen einfach bei uns im Regenwaldhaus ausgesetzt“, erzählt Diplom-Biologin Cornelia Bernhardt. „Dieses Verhalten gefährdet unseren gesamten Bestand, denn niemand weiß, ob die eingeschleppten Tiere Krankheiten haben.“

Doch auch die regulär abgegebenen Tiere verursachen Probleme. „Wir sind mit unserer Kapazität absolut an der Grenze und können Reptilien auch nur noch in Provisorien unterbringen“, so Bernhardt weiter. Oft werden einfach Taschen mit Schildkröten in Zoonähe deponiert, wie vor einigen Wochen, als zwei der gepanzerten Reptilien von der SWK an einem Glascontainer gefunden wurden. „Es wurde auch schon einmal ein Leguan von der Zoobrücke abgeseilt“, sagt Bernhardt.

Die Annahme, die Tiere seien im Zoo gut aufgehoben oder könnten gar in den Bestand überführt werden, zerschlägt die Biologin ebenfalls: „In den seltensten Fällen passt ein Tier wirklich hierher und findet den von ihm benötigten Lebensraum.“

Deswegen appellieren Beckmann und Bernhardt an die Vernunft der Menschen. „Wer ein echter Tierfreund ist, der lässt ein Lebewesen nicht alleine über Jahre auf wenigen Quadratzentimetern dahinsiechen“, sagt Beckmann. „Jeder potentielle Interessent an einem Reptil sollte immer vorher bedenken, welche Kosten auf ihn zukommen und dass aus dem kleinen Tierchen einmal ein großes mit ganz anderen Ansprüchen wird“, so Bernhardt.