Fundgrube für Schauspieler

Fundgrube für Schauspieler

Zum zweiten Adventssonntag öffnet die WZ die Tür zur Kleiderkammer der Fabrik Heeder.

Krefeld. Mit dem Lastenaufzug geht es in den Keller der Fabrik Heeder. Zweimal rechts, dann durch einen langen Gang, schon erreicht man die Tür zum Kostümfundus des Theaters. In dem Moment, in dem man den Fuß über die Schwelle setzt, wird man geradezu überwältigt von den Massen an Stoff. An Kleiderstangen über zwei Etagen hängen die Roben, als würden sie in der Luft nur so schweben.

Die Zahl der Einzelteile, die in den riesigen Kellerräumen gelagert werden, kennt niemand so genau. "Wir haben irgendwann mal die hängenden Teile wie Kleider, Hosen, Röcke und Blusen gezählt. Da waren es etwa 25000", sagt Michael Möller, Verwalter des Fundus. Hinzu kommen unzählige Kartons mit Kleinteilen - Hüte, Lederhandschuhe, Stulpen, Miederhosen, abgetrennte Ärmel, Feuerwehrhelme.

Wenn im Kostümfundus das Telefon klingelt - und das ist oft der Fall - ist meist Möllers Gedächtnis gefragt. "Für die aktuellen Proben wird ein Männer-Regenmantel gesucht. Er soll durchsichtig sein", gibt Assistentin Martina Hauptmeier weiter. Die Maße des Schauspielers kennt sie auch schon. "So einen haben wir nicht, ich habe da zwar einen vor Augen, aber das ist ein Damenmantel. Der passt nicht", weiß Möller ohne lange zu überlegen. Jetzt wird ein neues Exemplar gekauft.

Neben den besonders aufwändig gearbeiteten Kostümen hängt ein sogenanntes Nesselteil, ein aus schlichtem Stoff gefertigtes Abbild des Kostüms, für die Proben. So auch bei einem von Möllers besonders geschätzten Stücken, dem Kleid aus seiner Lieblingsoper Tosca. "Das Kleid hat eine lange Schleppe. Und wenn die Schauspielerin am Ende des Stückes rasend vor Wut über die Bühne läuft, muss sie die Schleppe raffen. Damit sie das üben kann, ohne das das Kostüm Schaden nimmt, gibt es das Teil für die Proben", erklärt er.

Seit 21 Jahren ist Michael Möller Herr über die Kostüme. Sein Traumjob? "Es ist mein Baby. Ich habe es geboren", sagt er lachend. Nur dank seines "peniblen Ordnungswahns" behält er den Überblick über die Roben aus "Der Zauberer von Oz", "Dido und Aeneas", "Der Bettelstudent", "Erwartungen" und Co..

Alle Einzelteile sind in Abteilungen sortiert. Und natürlich gibt es einen Damen und einen Herren Fundus. Hosen, Blusen, Trachten, Mäntel - immer sortiert nach Farben und Größen hängen beieinander. An jeder Hose ist ein kleines Schildchen, auf dem Möller Weite und Länge vermerkt hat. "Und gleiche Kleidungsstücke hängen immer auf den gleichen Kleiderbügeln. Dann sind sie auf einer Höhe und man kann die Größe besser erkennen", erklärt Möller.

Höchstens drei Stunden am Stück kann sich Möller zwischen den vielen Prinzessinnenkleidern im Keller der Fabrik Heeder aufhalten, denn unten gibt es keine Lüftung. "Ich muss eh hoch. Oben steht eine Lieferung aus den Proben", sagt er. Die Probenkostüme von "Die Troerinnen" müssen gereinigt und in den Fundus einsortiert werden. "Das Stück hat Premiere. Ab jetzt werden nur noch die richtige Kostüme gebraucht." Also machen sich Michael Möller und Martina Hauptmeier auf den Weg zum Lastenaufzug, um wieder ans Tageslicht zu fahren.

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