Kirchen in NRW: Merkez-Moschee in Duisburg: Ein Märchenbau aus Tausendundeiner Nacht

Kirchen in NRW : Merkez-Moschee in Duisburg: Ein Märchenbau aus Tausendundeiner Nacht

Allein 16 Gebetshäuser der Ditib-Gemeinde gibt es in Duisburg. Die Merkez-Moschee im Stadtteil Marxloh ist eine besondere; ein Besuch wie eine Reise in eine ferne, orientalische Welt. Mit ihrem 800 Quadratmeter großen Gebetsraum ist das Gebäude im osmanischen Baustil eines der größten seiner Art — in ganz Europa.

Duisburg. Der Aufstieg über die schmale Wendeltreppe, mehr als 30 Meter hinauf aufs Minarett, ist jede Stufe wert. 360 Grad schweift der Blick in die Ferne, entlang der golden von der Abendsonne angestrahlten Industriekulisse des Landschaftsparks Duisburg-Nord, bleibt dann am Kirchturm von St. Peter hängen, bevor er sich im Grünen verliert. Das da unten ist also Duisburgs Problemstadtteil, wo Dealerei und Überfälle zum Ruf und inzwischen videoüberwachten Alltag gehören.

Hier in Marxloh, diesem Schmelztiegel der Kulturen, machen Zuwanderer aus Südosteuropa und der Türkei nach einer Studie der Uni Duisburg-Essen 64 Prozent der Bevölkerung aus — das macht das Zusammenleben nicht immer leicht. Aber vielfältig und bunt. In diesen Stadtteil hat die Ditib-Gemeinde mit der Merkez-Moschee 2008 einen imposanten Prachtbau mit 19 Kuppeln eröffnet. Ein religiöses Zentrum; einen Sprung von der Katholischen Kirche St. Peter entfernt.

Schon von Außen ist das Gebetshaus, allein wegen seiner Größe, beeindruckend. Im Inneren haben Gebetsraum, Islam-Bibliothek und Archiv, Waschräume für Männer und Frauen, Kühlraum, das Bistro, ein Saal für Feierlichkeiten und Moschee-Verwaltung auf gut 1200 Quadratmetern an der Warbruckstraße 51 Platz. Wer den Gebetsraum im Herzen der Merkez-Moschee betritt, glaubt sich in einem Märchen aus Tausendundeiner Nacht: Kunstvolle Blüten-Ornamente in warmen Rot- und dunklen Blautönen ranken die Wände empor bis zur Decke, die bloßen Füße versinken in dem dunkelroten samtweichen Teppichboden — ein Geschenk des Bürgermeisters der türkischen Partnerstadt Gaziantep. Über allem spannt sich ein riesiger Messingkronleuchter. Seine 99 Lämpchen sind Symbol für die 99 Namen Allahs. Vier Säulen, dick wie Baumstämme, tragen die Balustrade, die U-förmig über dem 800 Quadratmeter großen Gebetsraum für die Männer schwebt. Hier in der ersten Etage ist der Platz der Frauen, wenn der Muezzin die Gläubigen fünfmal täglich zum Gebet ruft.

Architekt Cavit Sahin habe die Wünsche der Gemeindemitglieder verwirklicht und die Moschee im Osmanischen Baustil entworfen — am Vorbild der weltbekannten Blauen Moschee (Sultan-Ahmed-Moschee) in Istanbul, erzählt Mert Necati, Vorsitzender der Ditib-Gemeinde in Marxloh, stolz: „Von ihrer Bauart her ist unsere Moschee wohl die größte in Europa.“ Anders als in vielen muslimischen Ländern, hat die Marxloher Merkez-Moschee nur das eine, 34 Meter hohe Minarett — auf weitere Türme habe man aus Rücksicht auf die angrenzende Wohnbebauung bei der Umsetzung verzichten müssen.

2004 wurde der Grundstein gesetzt. Höchste Zeit, sagt Necati. Denn das provisorische Gebetshaus, das seit 1985 in der ehemaligen Zechenkantine von Schacht 25 auf dem Gelände an der Warbruckstraße Gläubigen Raum zum Gebet gab, wurde für die wachsende Zahl von heute 700 Mitgliedern bald zu klein. 2003 wurde es abgerissen.

Dreieinhalb Jahre dauerte der Bau des achteinhalb-Millionen-Projekts, finanziert mit Fördergeldern der EU, aus Spenden von Firmen und Privatleuten, die ihren Namen heute auf einer großen Steintafel vor der Moschee wiederfinden. Auch Mert Necati hat gespendet, mehr als die vorgeschriebene Summe für eine Gravur, fügt er noch hinzu.

Für den Schichtarbeiter in der Stahlindustrie ist die Merkez-Moschee sein Leben — nach der Arbeit verbringt er fast jede Minute dort. Nicht nur zum Beten. Auch, um etwa dem neuen Imam, der gerade erst aus der Türkei angereist ist und für fünf Jahre als Vorbeter in Marxloh bleibt, in der benachbarten Wohnung W-Lan einzurichten. Oder um mit den Männern im Teehaus vor der Moschee, wo es schwarzen, süßen Tee gibt, zu diskutieren — über Gott und die Welt. So wie die 200 Kinder der Koranschule, die in dem benachbarten Gebäude das arabische Alphabet, Suren aus dem Koran und Grundlagen friedlichen Zusammenlebens lernen. „Fundamentalisten haben hier keinen Platz“, sagt Necati knapp.

Seit der Eröffnung im Jahr 2008 zieht die Merkez-Moschee nicht nur Gläubige aus dem Stadtteil und der näheren Umgebung, sondern auch Besucher aus dem In- und Ausland nach Marxloh. Busse aus ganz Deutschland, aus Belgien, Frankreich und den Niederlanden rollen regelmäßig auf den angrenzenden Parkplatz an der Warbruckstraße, erzählt der Gemeinde-Vorsitzende. Die Türen der Moschee sind für alle offen. Dort können Besucher abtauchen in eine orientalische Welt. Wenn der Blick dann staunend die Wände entlang wandert, sieht der ein oder andere vielleicht vor seinem geistigen Auge, wie die eigens aus der Türkei angereisten Künstler die aufwendigen Kalligrafien mit Pinseln an die Decken malen. „Braun ist die Farbe der Erde, Blau symbolisiert den Himmel“, sagt Necati. „Wir leben hier in Harmonie dazwischen.“

Mehr von Westdeutsche Zeitung