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So modern wohnt Gott im Rheinland: Kirche St. Engelbert: Kölns früher Zentralbau von Dominikus Böhm

So modern wohnt Gott im Rheinland : Kirche St. Engelbert: Kölns früher Zentralbau von Dominikus Böhm

In Köln-Riehl steht die Kirche St. Engelbert - ein beispielhaftes katholisches Kirchengebäude aus der Zeit der Weimarer Republik.

Köln. Die Kirche St. Engelbert in Köln-Riehl von Dominikus Böhm (1880-1955) gilt als ein „Ursprungsbau“ moderner Kirchenarchitektur. So schreibt es Peter Keller im Heft des Rheinischen Vereins für Denkmalpflege und Landschaftsschutz. Für die katholische Kirche in Deutschland ist dies richtig, nicht jedoch für die protestantische. Hier hatte Otto Bartning, Direktor der Hochschule für Handwerk und Baukunst in Weimar, mit seiner Auferstehungskirche in Essen die Nase vorn. Sein schlichter Zentralbau musste dem Kölner Architekten bekannt gewesen sein, denn die „Torte“ machte Furore. Aber Böhm baute für die katholische Kirche, und die war erst nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil so weit, einen Zentralbau mit dem Altar und dem Pfarrer in der Mitte zu dulden.

Dominikus Böhm, nur drei Jahre älter als Bartning, war sich seiner Sache in Köln-Riehl nicht ganz sicher. Er musste die Kritik des Generalvikariats aushalten. Er reichte daher gleich vier Entwürfe ein, einen für ein Langhaus und drei für einen Zentralbau. Pfarrer Clemens Wirtz, die treibende Kraft für den Bau, stärkte ihm den Rücken für den Zentralbau. Am 3. Mai 1931 war Grundsteinlegung, am 5. Juni 1932 Kirchweihe.

Der Komplex, zu dem heute Kirche, Tageskapelle, zwei Sakristeien, Wohnungen für Pfarrer, Pastoralreferentin, Organist, Küster sowie Jugendheim mit Bibliothek und Kita gehören, wird von Böhm als „Sternkuppelprojekt mit frei stehendem Turm“ bezeichnet. Er liegt im Nobelviertel, einst preußischer Garnisonsort, nach dem Ersten Weltkrieg Wohnort für britische Offiziere und später für Angestellte der rheinischen Braunkohle AG. Die Einwohnerzahl schnellte auf 14 000 hoch. Die Kirche kaufte 1930 ein ganzes Viertel am Riehler Gürtel auf.

Viel wurde über St. Engelbert geschrieben. Und immer in höchsten Tönen. Dabei handelt es sich für heutige Begriffe um einen eher kleinen Bau. Er steht erhöht auf einem Sockel, dadurch konnten im Untergeschoss all die geforderten Räume mit dem zweiten Pfarrsaal untergebracht werden. Böhm entschied sich für eine breite Treppe mit 15 Stufen, die die gesamte Front einnimmt.

Die Kirche selbst setzt sich demonstrativ vom Historismus ab. Sie besteht aus acht verklinkerten Parabel-Scheiben. Jeweils unter der Krümmung sitzt eine kreisrunde Glasscheibe — viel zu hoch, wie sich beim Eintritt zeigt. Zwischen den Mauerscheiben buckelt sich der Baukörper mit seinen Metall-Schindeln zur Mitte hin hoch, die als winzige Krone und Stern endet. Ein 40 Meter hoher, schlanker, rechteckiger Turm steht separat, ist aber im Erdgeschoss durch die Werktagskapelle mit der Kirche verbunden und erinnert an einen italienischen Campanile.

Das Gotteshaus wirkt von außen kompakt, kraftvoll und skulptural. Er ist nicht himmelstürmend wie die Rochus-Kirche von Schneider von Esleben 22 Jahre später. Es spielt auch nicht so sehr mit dem Licht, wie es Böhms Sohn Gottfried in der Düsseldorfer Kirche Sankt Matthäus tun wird, die 1970 eingeweiht wird, nach dem Vatikanischen Konzil also.

Der Grundriss bildet einen Kreis, auf dem die acht Parabolwände stehen. Über ihnen erhebt sich das gefaltete Dach zur kreuzbekrönenden Spitze. Noch klingt die Gotik an, wenn Böhm die Nischen über den Scheiben höher und spitzer enden lässt.

Während Otto Bartning seine „Sternkirche“ von 1922 mit Lichtbändern artikuliert, wirkt die Beleuchtung der Kölner Kirche extrem sparsam. Die Kuppel verweigert sich dem natürlichen Licht. Glühbirnen erhellen die Gewölbekappen, während die Betonrippen dunkel bleiben. So erzeugt Dominikus Böhm gleichfalls eine Art Sternenkranz. Aber er rückt die Scheiben noch nicht auseinander, um Lichtschächte zu erzeugen, wie es Schneider von Esleben tun wird.

Die acht Rundfenster waren ursprünglich aus farblosem Glas. Jetzt sind es bunte Okuli von Anton Wendling aus den 50er Jahren, die im rheinischen Himmel kaum das Tageslicht durchlassen. Die meiste Helligkeit erhält die Altarzone. Hier ersetzt Böhm eine Parabolwand durch ein ungefärbtes Glasfenster, so dass starkes Seitenlicht einfällt. Ursprünglich gab es auch ein Lichtband über dem Abgang in die Werktagskapelle.

Bei der Sanierung in den 1970er Jahren ließ der beauftragte Architekt Kurt Günssler die Wand zumauern. Dasselbe tat er mit dem offenen Zugang zur Taufkapelle im Übergang zum Turm. Der Eingriff in ein so wichtiges Bauwerk wie St. Engelbert ist wenig verständlich. Er erklärt sich aus Energiekosten.

Die Restaurierung galt auch den Wänden selbst. Sie sind nicht mehr glatt, weil Betongips und Mineralwolle vorgesetzt wurden, um den Nachhall zu verringern.

St. Engelbert ist zukunftsweisend, aber zugleich der Tradition verhaftet. Einem katholischen Architekten war es anno 1930 noch nicht möglich, einen Zentralbau zu errichten und den Altar in die Mitte zu stellen. Böhm rückt den marmornen Tisch an die Chorwand, wo das Licht seitlich einfällt. Der Priester stand ja gemäß der liturgischen Vorschrift mit dem Rücken zum Volk. Peter Keller nennt Böhms Grundhaltung im Heft des Rheinischen Vereins „traditionalistisch“, Böhm hätte eine radikale Position wie die von Bartning nicht akzeptiert. Erst 1967 änderte Sohn Gottfried Böhm diese Anordnung des Altars. Seitdem gibt es zwei Altäre, den zweiten aus Sandstein. Gottfried Böhm sollte den Vater auch in der Lichtgestaltung überflügeln.

Typische Beispiele der 1930er Jahre sind die Aufgänge zur Orgel und die Balkonbrüstungen. Sie entsprechen den „fließenden Innenräumen“ der holländischen Architekturpioniere. Direkt unter dem Glasfenster sitzt die Walcker-Orgel, 1908 für die Hamburger Musikhalle gebaut, 1950 als Kinoorgel im Thalia-Theater benutzt und 1954 in Riehl installiert und umgebaut. Sie gilt als zweitgrößte Kirchenorgel in Köln mit über 3000 Pfeifen. Das Ensemble eines der ersten katholischen Gemeindezentren steht seit 1983 unter Schutz.