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Volker Dörr: „Mit seinem Helden übt man den Ernstfall“

Volker Dörr: „Mit seinem Helden übt man den Ernstfall“

Darum fiebern wir mit Romanfiguren: Der Literaturprofessor an der Heine-Uni erklärt die ungefährliche Lust am Unbehagen.

Düsseldorf. Superman oder Pippi Langstrumpf, Odysseus oder Faust — welcher Held es mir in der Literatur, im Kino oder in der Musik besonders angetan hat, sagt viel über mich, meine Wünsche und Begehren aus. In unserer neuen Serie stellen wir Personen aus dem Düsseldorfer Kulturleben mit ihren Idolen und den persönlichen Geschichten dazu vor.

Volker Dörr: „Mit seinem Helden übt man den Ernstfall“
Foto: dpa

Herr Dörr, was macht den literarischen Helden aus?

Dörr: Der Begriff ist leider unscharf. Zwei Deutungen lassen sich unterscheiden: einmal die heroische Figur und dann der Held im technischen Sinne, den wir heute eher Protagonist nennen.

Worin liegt der Unterschied?

Dörr: Von Homer übers Mittelalter bis Mitte des 18. Jahrhunderts geht das zusammen. In der Tragödie oder im Epos sind die Protagonisten auch Helden, die man bewundern soll. Später, wenn ohnehin alles in Auflösung begriffen ist, treten vermehrt Hauptfiguren auf, die keine Helden im heroischen Sinne mehr sind.

Was ist ein heroischer Held?

Dörr: Er vertritt das moralisch Wünschbare. Strukturell gesehen geht es darum, dass man in Situationen der moralischen Bedrohung auch moralisch handelt — auch gegen die eigene körperliche Unversehrtheit. Die Spitzenleistung ist ja, dass man die eigene Existenz aufgibt und sich für eine moralisch große Idee opfert — Freiheit zum Beispiel.

Später ändert sich dieses Bild.

Dörr: Ende des 18. Jahrhunderts diversifiziert sich die Literatur — auch durch das Erstarken des Bürgertums. Man versucht die Leute anders zu ködern als durch Beispielhaftigkeit.

Wie kam es dazu?

Dörr: Mit der Erfindung des freien Schriftstellers müssen die Dichter dafür sorgen, dass sie gelesen werden. Zudem lag das Interesse des Bürgers darin, sich wiederzufinden — auch emotional.

Fällt Ihnen ein Beispiel ein?

Dörr: Spätestens mit Lessing werden die Protagonisten auf der Bühne brüchig und eher zu dem, was man als Antihelden bezeichnen würde.

Welche Funktion hat dieser Antiheld?

Dörr:Da gibt es viele Bestimmungen. Aber es ist eine Art Kitzel an dem Versuch der Identifikation mit dem moralisch Verwerflichen.

Um ausleben zu können, was einem eigentlich verboten ist.

Dörr:Genau. Denn, wenn es so etwas wie eine allgemeine Funktionsbestimmung für Literatur gibt, dann ist das experimentelle Ausagieren von mentalen Zuständen außerhalb des Ernstfalles. Man empfindet Dinge aufgrund von Situationen, in denen man gar nicht ist. Der Ernstfall wird eingeübt.

Auch der Ernstfall des Liebens.

Dörr: Ich möchte nicht wissen, wie viele Lieben in der Welt nach literarischen Mustern abgelaufen sind, weil die Leute sonst nicht gewusst hätten, wie Lieben geht.

Ist Goethes Faust ein klassischer Held?

Dörr: Er ist kein Held im heroischen Sinn, dafür ist er viel zu schwach, zu gebrochen und vielgestaltig. Aber das ist genau seine Qualität. Er hat regalkilometerweise Interpretationsliteratur provoziert und ist noch längst nicht erklärt. Es macht den Reiz dieser Figuren aus, dass man so viel reinlesen und auch wieder rauslesen kann.

Wie war Ihre Begegnung mit Faust?

Dörr: Das muss in der Schule gewesen sein, und ich habe keine guten Erinnerungen an meinen Deutschunterricht. Danach musste ich erst einmal durchs Stahlbad einer ganz anderen Richtung gehen, um meine Liebe zur Literatur zu entdecken.

Welche Richtung war das?

Dörr: Ich habe zunächst Mathematik studiert.

Und warum dann der Wechsel?

Dörr: Was in der Mathematik überhaupt nicht angelegt ist, das ist psychologischer Reichtum. Den bietet die Literatur.

Vorbilder sind besonders wichtig in Phasen der Veränderung. Gibt es solche Figuren für Sie?

Dörr: Eher interessant sind Figuren, die man eben nicht zum Vorbild nimmt. Goethes Werther ist ein Text, der mir immer wieder begegnet ist. Er ist aber alles andere als heroisch. Es geht beim Lesen eher um die Erfahrung von Andersheit, sich versuchsweise in Figuren einzufühlen.

Was zeichnet Werther aus?

Dörr:Es ist eine ungesunde Form von Unbedingtheit. Er ist sozial unfähig und stark auf sich fixiert, Werther ist Narzisst. Die Form des Briefromans bietet in der direkten Ansprache an, sich einzufühlen. Was wir wahrnehmen, ist die Gefährdung der Sozialität. Im 18. Jahrhundert kannte man dafür den Begriff blöde — Werther ist blöde.

Beschreiben Sie, was Werther bei Ihnen ausgelöst hat?

Dörr: Am ehesten ein lustvolles Unbehagen. Und ähnlich ist das ja mit Antihelden, mit Schurken. Man weiß, dass man sich so schurkenhaft im Leben nie verhalten könnte — aus Gründen der Moral oder aus Angst vor Bestrafung.

Man klappt das Buch zu und alles ist wieder in Ordnung.

Dörr: Das ist ja das Gute an Literatur.

Das Jugendbuch „Tschick“ war ein Welterfolg, es wird in Schulen gelesen und in Theatern gespielt. Darin geht es um das Lebensgefühl eines Jungen, der ziemlich weit draußen steht. Held oder Antiheld?

Dörr: Wolfgang Herrndorf ist ein gutes Beispiel für einen Autor, über den ich mich nicht wissenschaftlich äußern möchte. „Tschick“ und auch „Sand“ habe ich mit großer ästhetischer Lust gelesen, aber nicht mit der Einladung zur Analyse. Dabei ist das alles so unglaublich gut gemacht!

Wenn Sie lesen, liest also nicht immer der Literaturwissenschaftler?

Dörr: Ich lese natürlich privat auch identifikatorisch und verliebe mich in die Heldinnen. Das ist ein Genuss, den muss man sich bewahren.