Second Hand: Große Mode — kleine Preise

Second Hand: Große Mode — kleine Preise

Seit 30 Jahren bietet Mae Würth in Oberkassel getragene Designerstücke an. Und sie freut sich über eine steigende Nachfrage.

Düsseldorf. Julia Roberts hat es vorgemacht: Als sie 2011 den Oscar gewann, trug sie nicht etwa den neuesten Schrei der Haute Couture, sondern ein Valentino-Kleid aus den 80ern. Sie machte Second Hand — Modeleute würden wohl Vintage sagen — roter-teppich-fähig. Inzwischen gibt es auch hierzulande reichlich Frauen, die zwar große Mode tragen, aber höchstens einen mittelgroßen Preis bezahlen wollen. „Das ist der Trend“, sagt die Düsseldorferin Mae Würth. Und sie muss es wissen: Seit über 30 Jahren verkauft sie in Oberkassel Designer-Mode aus zweiter Hand.

Schwarze Gucci-Sandaletten für 95 Euro, eine bunte Roberto-Cavalli-Seidenbluse für 150 Euro — die Preise bei „Mae’s“ an der Cheruskerstraße sind für Modebegeisterte eine Sensation. Das zweiteilige, geblümte Armani-Kostüm hätte neu 1800 Euro gekostet, hier gibt es die Kombi für 290 Euro — ohne Gebrauchsspuren. Die Pradatasche kostet 690 statt 1800 Euro, eine neuwertige Hermès immerhin 3200 statt 4900 Euro.

Auf die Idee zum Zweite-Hand-Geschäft kam Mae Würth, als sie früher den Sylter Jil-Sander-Shop führte. Gut betuchte Kundinnen jammerten über den übervollen Kleiderschrank und all die vielen schönen Klamotten, die sie doch nie trügen. Die junge Modeliebhaberin beschloss, diese verborgenen Schätze auf die Straße zu bringen. „Damit sich jeder etwas leisten kann“, erklärt sie.

Und es klappte: In Kommission gaben die oberen Damen der Stadt Mae Würth ihre Schrank-Hüter — und die machte daraus ihr eigenes Geschäft. Zunächst auf 24 Quadratmetern, heute sind es fast zehnmal so viel. So manches Starlet wird für Mode- und Klatschblätter in der Designer-Robe abgelichtet, die wenig später ihren Weg zu Mae’s findet. „Aber ich nenne keine Namen“, sagt die Chefin mit wissendem Lächeln.

Auch für viele Kundinnen ist Mae Würth über drei Jahrzehnte zu einer festen Begleiterin geworden. Oder doch zumindest ihre Ware. Manche erfolgreiche Anwältin habe kurz nach dem Studium eine wertvolle Designer-Tasche bei ihr gekauft, die sie noch immer hüte, sagt die Modefrau. „Und inzwischen habe ich auch die Enkelkinder hier“. Junge Mädchen, die sich ein Accessoire von Mae vom Munde abgespart haben, um ihr Outfit von der Stange aufzuwerten. „Ein paar besondere Lieblingsstücke sollte jeder haben“, sagt Mae Würth.

Die hat sie auch. Ganz besondere sogar. Von der früheren Chefin im Breidenbacher Hof erbte Mae Würth einst einen Schwung großer Valentino-Roben im Stile des Oscar-Kleides von Julia Roberts. „Ich habe geschwelgt in diesen Roben“, erinnert sie sich. Weggegeben hat sie diese bisher nicht — im Gegensatz zu den meisten Second-Hand-Stücken sind die Kleider im Wert mit der Zeit sogar gestiegen. Im Laden in Oberkassel hängt aber auch so manch anderes Abendkleid, das einst 2200 Euro kostete, mit einem Preisschild um die 390 Euro.

Der Ruhestand ist für Mae Würth übrigens auch nach über 30 Jahren noch keine Option. „Ich könnte nicht aufhören“, sagt sie und man glaubt es ihr. „Viele Menschen sind happy, dass es mich gibt. Und das ist ein schönes Gefühl.“

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