Eltern kämpfen für Erhalt der Förderschulen

Eltern kämpfen für Erhalt der Förderschulen

Kritik: Behinderte Kinder könnten im gemeinsamen Unterricht untergehen.

Düsseldorf. Eltern von behinderten Kindern sollen in Nordrhein-Westfalen künftig selbst entscheiden können, auf welche Schule sie ihr Kind schicken. Das verkündete Schulministerin Barbara Sommer kürzlich auf einer Veranstaltung der Zukunftskommission.

Ein genaues Konzept wie ein inklusives (alle Menschen einbeziehendes) Bildungssystem aussehen soll, liegt noch nicht vor. Birgitt Ferrier und Rita Ploog befürchten, dass die Integration in die Regelschulen eine langsame Auflösung der Förderschulen bedeutet. Zusammen mit anderen Eltern haben sie den Arbeitskreis Schulzukunft gegründet und kämpfen für den Erhalt der Förderschulen.

Ihre Kinder Janine Ferrier(15) und Volker Ploog (15) besuchen eine Förderschule. "Unsere Tochter geht jeden Morgen mit Freude zur Schule", sagt Birgitt Ferrier. Das war nicht immer so. Eingeschult wurde das Mädchen auf einer Regelgrundschule.

Ihre Lernbehinderung war da noch nicht erkannt. "Sie kam immer unglücklich nach Hause, malte schwarze Bilder", sagt ihre Mutter. Wurden ihr Lärm und Hektik in der Klasse zu viel, kletterte Janine unter den Tisch und hielt sich die Ohren zu. Jahre später erzählte sie ihrer Mutter, dass sie mit dem Gedanken gespielt hatte, sich das Leben zu nehmen.

Kaum war sie auf die Förderschule gewechselt, änderte sich alles. "Sie fühlte sich verstanden, man nahm Rücksicht auf sie, und sie war in ihrer Klasse nicht mehr der Exot", sagt Ferrier. Nach dieser Erfahrung können sich die Eltern nicht vorstellen, ihr Kind jemals wieder auf eine Regelschule zu schicken.

Die Ankündigung einer Einbindung von Kindern mit Behinderung sehen sie daher kritisch. "Für Kinder mit körperlicher Behinderung ist das sicher eine tolle Sache. Aber es gibt eine große Vielfalt verschiedener Facetten geistiger Beeinträchtigung. Und die werden im normalen Unterricht untergehen", sagt Birgitt Ferrier.

Clara Deilmann (Grüne) sieht das anders. "Schule soll Gesellschaft abbilden. Kinder mit Behinderung gehören dazu, deshalb darf man sie nicht in Förderschulen separieren." Dass eine Gemeinschaftsschule nicht von heute auf morgen entstehen kann, weiß die Politikerin. "Erst müssen vernünftige Rahmenbedingungen geschaffen werden."

Die sind aber bisher nicht klar definiert: beispielsweise wie Lehrer auf den gemeinsamen Unterricht von behinderten und nicht behinderten Kindern vorbereitet werden sollen. Nicht nur in diesem Punkt sieht Martin Jussen, Schulleiter der Peter-Härtling-Förderschule in Holthausen, Probleme. "Generell begrüße ich die Öffnung der Schulen. Es bleibt aber die Frage, ob ein geistig behindertes Kind vom Besuch eines Gymnasiums profitiert."

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