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Verlassene Orte: Eine alte Fabrikruine als Gesamtkunstwerk

Verlassene Orte : Eine alte Fabrikruine als Gesamtkunstwerk

In der alten Papierfabrik im Hammer Hafen wurde noch vor sechs Jahren produziert. Heute nutzen Fotografen die verfallene Kulisse.

Düsseldorf. Man braucht nur an den Mauern der alten Papierfabrik im Hammer Hafen vorbeizugehen, um Stimmen und Geräusche aus den Fenstern der Hallen wahrzunehmen. Es rumpelt und knirscht, es raschelt und es pfeift. Die Geräusche kommen aus den Fenstern, die zur Straße hin zeigen und aus Ritzen im Mauerwerk. Wer nur den großen Hof der Fabrik betritt, kann schon erahnen, wie es im Inneren der Hallen aussehen mag. Es liegt allerhand Sperrmüll und Unrat auf dem Hof herum, die Tore, die einst die Hallen verschlossen haben, existieren nicht mehr. Die Öffnungen klaffen wie dunkle Höhleneingänge in den Wänden der Fabrik. Heruntergekommener könnten Fabrikhallen nicht wirken. Die einst rot leuchtenden Backsteinwände sind mit Graffiti besprüht, Unkraut wuchert überall in den Mauerritzen.

Verlassene Orte: Eine alte Fabrikruine als Gesamtkunstwerk
Foto: David Young / dpa

Abgeschirmt wird die eigentliche Fabrik zur Straße hin durch das alte Verwaltungsgebäude. Die Scheiben sind eingetreten, vor ein Fenster des Erdgeschosses haben Unbekannte einen Stuhl gestellt. Über ihn geht es hinein ins Gebäude, in einen Raum, der einst ein Büro gewesen sein muss. Alte Akten liegen noch auf dem Boden herum. Ansonsten ist der mit Glasscherben, Holzbrettern und sonstigem Müll bedeckt. Nicht anders sieht es in den Fluren aus. Hier sind auch deutlich die Spuren der Brände sichtbar, zu denen die Feuerwehr in den vergangenen Monaten beinahe wöchentlich zur Fabrik ausrücken muste. Verkohlt sind die Wände und die alten hölzernen Türrahmen. Und verkohlt sind auch die Treppenstufen. Die Treppen, oder zumindest das, was das Feuer verschont hat, führen in eine kleine, aber durchaus einst schmucke kleine Vorhalle. Ein großer, mit Glasscheiben versehener Türbogen führt in eine weitere kleine Halle. An einer Seite ist noch ein mittlerweile vernagelter Holzverschlag zu erkennen, in dem einst der Pförtner Besucher des Hauses empfangen hat. Heute sind die Holzbretter beschmiert und die Scheiben eingeschlagen. Ein trauriges Bild.

Verlassene Orte: Eine alte Fabrikruine als Gesamtkunstwerk
Foto: David Young / dpa

Die eigentliche Arbeit der Fabrik wurde aber nicht im Verwaltungstrakt verrichtet, sondern in den großen Maschinenhallen. Hier stellte die Firma Hermes bis vor sechs Jahren Papier her. Daran besteht bei einem Gang durch die großen, völlig heruntergekommenen Hallen kein Zweifel. An vielen Stellen liegen noch Blätter auf dem Boden herum, viele von ihnen sind bedruckt.

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Foto: David Young / dpa

Bei einem Streifzug durch die Fabrik stechen die Graffiti ins Auge, die nahezu an jeder Wand zu finden sind. Hunderte gemalte Augen starren von den Wänden herab, tausende Schriftzüge bahnen sich ihren Weg durch die Hallen. Aus der Fabrik ist mit der Zeit ein einziges Gesamtkunstwerk geworden, das es so kein zweites Mal gibt. Die Kunst hat das Areal verändert. Das zieht vor allem Fotografen an, die in den Hallen professionelle Fotoshootings anbieten. Eine Erlaubnis das Gelände zu betreten, hat keiner der Besucher. Trotzdem ist immer Leben in den heruntergekommenen Gebäuden — das Zusammenspiel aus verfallenem Gemäuer und Riesenleinwand für Graffiti-Künstler fasziniert viele Gäste.

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Foto: Bernd Nanninga

Doch die glanzvollen Zeiten der Papierfabrik im Hafen sind Geschichte. Gründer Hugo Hermes kaufte 1878 die Papierfabrik Dr. Bock in Bilk, wurde so vom Papiergroßhändler zum Produzenten. 1911 zog Hermes an die Fringsstraße in den Hafen um, weil es in Bilk zu eng wurde. Nach dem Tod des Gründers kaufte die Familie die Fabrik und fertigte auf einer der damals vier Maschinen Pappe für Persil-Kartons. Seit 2003 war Hermes eine 100-prozentige Tochter der Curtis 1000 Europe AG. Diese hatte die Firma aus dem Besitz der RWE Umwelt übernommen. Letztendlich trennte sich die Curtis-Gruppe aber von der Papierproduktion.

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Foto: Bernd Nanninga

2008 musste die Hermes Fabrik Insolvenz anmelden — nach WZ-Informationen schuldete das Unternehmen ihrem Stromlieferanten, den Düsseldorfer Stadtwerken, eine Summe von rund zwei Millionen Euro und konnte die Stromrechnungen nicht mehr bezahlen. „Ein Drittel unseres Umsatzes geht für Strom drauf, das sind rund zehn Millionen Euro“, sagte der ehemalige Hermes-Geschäftsführer Hans-Ulrich Schmitz im Juli 2008 gegenüber der WZ. Beim Maschinenpark waren die Sparpotenziale bereits ausgeschöpft, bei den Kunden konnte Hermes die gestiegenen Energiekosten auch nicht reinholen. Und auch beim Personal — Hermes hatte damals 90 Mitarbeiter — könne man nicht mehr sparen. In Verhandlungen mit den Stadtwerken versuchten die Geschäftsführer, günstigere Strom-Konditionen zu erzielen — vergebens.

Die Papierfabrik stellte die Produktion schließlich ein und schloss ihre Tore für immer. Seit sechs Jahren liegt das rund 26 000 Quadratmeter große Areal der Fabrik nun brach. Es ist Eigentum der Düsseldorfer Hafenbetriebe und wird zurzeit durch Insolvenzverwalter Georg Kreplin verwaltet. In den vergangenen sechs Jahren ist wenig passiert. Seit wenigen Tagen gibt es aber Hoffnung für die alten Hallen. Der Kölner Immobilieninvestor Rialto Capital hat die leerstehende Papierfabrik gekauft. Möglicherweise will der auf dem Gelände ein Logistikzentrum errichten. Dass die vorhandenen Hallen renoviert werden, sei so gut wie ausgeschlossen, sagt Insolvenzverwalter Kreplin. Die einzige Möglichkeit, das Gelände wieder nutzbar zu machen, sei ein Abriss der alten Fabrikhallen. Wie hoch die Kaufsumme ist, ist nicht bekannt. Ganz alleine kann der Investor unterdessen nicht entscheiden, was mit dem Areal passiert: Erbpachtgeber sind die Düsseldorfer Hafenbetriebe und noch für 13 Jahren ist offiziell eine Nutzung als Papierfabrik vorgesehen. Über eine Änderung müssen sich beide Seiten einig werden.