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Ein Glücksbringer über den Dächern

Ein Glücksbringer über den Dächern

Serie: Klaus Strunk ist Schornsteinfeger im Medienhafen. Er arbeitet über den Dächern — und sorgt für die Sicherheit vieler Hausbewohner.

Düsseldorf. Wenn Schornsteinfeger Klaus Strunk an seinen Beruf denkt, lächelt er. Denn schließlich ist der Mann ein Glücksbringer — „und daran glauben die Leute auch tatsächlich“, sagt er. Wenn er über die Straßen der Stadt geht, käme es nicht selten vor, dass er freundlich gegrüßt wird, Menschen zu ihm kommen, seine goldenen Knöpfe anfassen möchten. Viele Passanten möchten ihm über die Schulter spucken, manchen genügt es, ihm einfach nur die Hand zu schütteln. „Wenn die Leute ein Foto von mir machen wollen, fühle ich mich gelegentlich wie ein Promi“, sagt Strunk.

Doch das alles sei nur nebensächlich, sagt der Schornsteinfeger. „Viel wichtiger ist, dass die Leute uns vertrauen. Das ist ein großes Gut“, sagt er. Und das liegt nicht zuletzt an der Uniform der Schornsteinfeger, an der Arbeitskleidung, die sie schon seit Jahrhunderten tragen. „Unsere Kleidung öffnet uns Türen“, sagt er. Denn was viele Berufsklassen seit langem vergeblich suchen, haben die Schornsteinfeger schon seit langem: eine einheitliche Kleidung, die sie sofort als Angehörige ihrer Zunft identifiziert.

Strunk hat wie jeder andere Schornsteinfeger auch seinen eigenen Bezirk, in dem er beinahe jedes der 11 000 sich darin befindenden Häuser kennt. Meistens kommt er einmal im Jahr vorbei, schaut nach dem Rechten — und sorgt für die Sicherheit der Hausbewohner. Denn ohne Schornsteinfeger lebten auch in der heutigen Zeit viele Menschen gefährlich.

In ein Haus an der Gilbachstraße im Medienhafen hat es ihn heute verschlagen, hier muss er die Schächte kontrollieren. Bis ganz nach oben muss Klaus Strunk die Treppe heraufsteigen, bis unters Dach, bis auf den Speicher. Nur noch wenige Dachböden sind heutzutage richtig ausgebaut und werden zum Trocknen der Wäsche genutzt. „Früher war das hingegen auf fast jedem Speicher der Fall“, sagt er.

Und nicht nur der ausgebaute Dachboden ist hier eine Rarität, es gibt noch eine weitere Besonderheit. Zwei Wohnungen im Haus werden mit Kohleöfen beheizt, da gibt es keine Zentralheizung. „Das ist sehr selten geworden“, sagt er. Einer der Schornsteine des Hauses ist deshalb noch aktiv, durch ihn strömt noch immer Ruß nach oben. Strunks Aufgabe ist es, den Schornstein sauberzuhalten — und dafür muss er nach ganz oben, auf das Dach des Hauses, hin zur Oberseite des Schornsteins. Er hievt das erste Bein aus dem Dachfenster, ist schon halb auf dem Dach verschwunden. „Mit der Zeit kriegt man Übung im Klettern“, sagt er, lacht dabei ein wenig. Als er seine Lehre begonnen habe, sei ihm jedes Mal mulmig gewesen, wenn er auf einem Dach umhergewandert sei — „heute fühle ich mich hier wie zu Hause.“ Dass ein Schornsteinfeger vom Dach fällt, komme übrigens so gut wie nie vor. „Davon habe ich noch nie gehört“, sagt Klaus Strunk.

Denn mit der Zeit haben die Schornsteinfeger ihre Tricks und Kniffe entwickelt, wie es sich auf dem Dach möglichst gut arbeiten lässt. Keine normalen Schuhe tragen sie — zumindest keine mit handelsüblichen Sohlen. Diese bestehen bei den schwarzen Gesellen aus alten Autoreifen, die einen guten Halt auf den teils doch recht rutschigen Dächern geben — vor allem, wenn die nass sind. Spezialanfertigungen sind das freilich, doch es würde sich lohnen, sagt der Schornsteinfeger.

Er hat ein langes und dickes Seil dabei, an einem Ende befindet sich eine Metallbürste. Strunk lässt die Bürste am Seil in den Schlot hinab, zieht sie kräftig wieder nach oben. Immer wieder macht er das, so lange, bis die Rußreste an den Innenseiten des backsteinernen Schornsteins sich gelöst haben.

Die fallen dann im Schornstein nach unten. Am Fuß des Schornsteins, das ist meist im Keller, gibt es eine kleine Klappe, durch die der Ruß entnommen und entsorgt werden kann. In vielen Hauswänden sind diese Klappen eingelassen, genutzt werden aber nur noch die allerwenigsten von ihnen. Bleibt der Ruß im Schlot, dann kann es gefährlich werden. „Kommt da Feuer dran, brennt der Ruß wie Zunder“, sagt Strunk. Und eben das gelte es zu verhindern, deswegen schaut er vorbei.

Er rollt das Seil wieder zusammen, hängt es sich über die Schulter. Er klettert wieder durch die Dachluke auf den Boden des Speichers, macht das Fenster hinter sich zu. „Hier oben bin ich fertig“, sagt Strunk.

Auf dem Weg nach unten kommt er an vielen Haustüren vorbei. Vor einigen hängen Mäntel und Jacken, vor anderen Wohnungstüre stehen Schuhe. In einige von ihnen steckt der Schornsteinfeger ein kleines Andenken an seinen Besuch — einen kleinen schwarzen Gesellen aus Plastik. „Einfach eine nette Geste“, sagt Strunk und zwinkert.

Doch nur weil seine Arbeit auf dem Dach erledigt ist, ist er im Haus noch nicht fertig. Er geht weiter in den Keller des Hauses, an vielen hölzernen Kellerverschlägen vorbei, bis zu einem weißen Kasten in einer dunklen Ecke. Hier befindet sich das, was heutzutage die alten Kohleöfen ersetzt — die zentrale Gasheizung.

Denn auch die muss gewartet werden, auch das fällt in den Aufgabenbereich eines Schornsteinfegers. Mit dem Messgerät sticht er in eine Öffnung im Rohr. „Ich muss überprüfen, ob die durch die Gasverbrennung entstehenden Gase richtig abgeleitet werden“, sagt er. Ist das nicht der Fall, kann er einen höheren CO-Wert messen.

Doch es ist nicht nur die Messung, auf die er Wert legt. Es ist auch das Begutachten der Heizungsanlage — und vor allem auch deren Standort und Umgebung. „Es gibt Menschen, die Holzregale direkt neben dem Rohr aufstellen. So etwas geht nicht, denn das Rohr wird mehrere hundert Grad heiß“, sagt Strunk. Dann weist er die Hausbesitzer auf die Gefahr hin. Meist haben diese Respekt, kümmern sich sogleich um die Behebung des Missstandes. Nur ganz selten käme es vor, dass Bewohner nicht darauf eingehen.

Genau so sei es auch beim Öffnen der Haustür für den Schornsteinfeger — die meisten lassen Strunk ohne Probleme eintreten. Eher selten sei es, dass jemand die Tür nicht öffnet oder auf die Briefe des Schornsteinfegers nicht reagiert.

Dann muss Strunk das Ordnungsamt informieren — „das mache ich nur sehr ungern, aber es ist Pflicht, dass Heizungen und Schornsteine in gewissen Abständen überprüft werden“, sagt er. Pizzaöfen muss er übrigens bis zu sechs Mal jährlich begutachten.