Immer mehr Nichtschwimmer: Eine Gesamtschule tut etwas

Immer mehr Nichtschwimmer: Eine Gesamtschule tut etwas

Die Quote lag bei fast 30 Prozent, Schwimmunterricht war kaum möglich. Also ergriff die Schule die Initiative — mit Erfolg.

Düsseldorf. Ersida Kurtisovska ist schon als Kind gern ins Schwimmbad gegangen. Aber einen Schwimmkurs hatte sie nie besucht. Und da ihre Eltern nicht schwimmen können, hatten sie es ihr auch nicht beigebracht. So kam sie als Fünftklässlerin in die Heinrich-Heine-Gesamtschule, ohne schwimmen zu können.

Ersida war kein Einzelfall. Und weil dadurch vernünftiger Schwimmunterricht kaum möglich war, wurde die Schule aktiv. Für ihre Offensive zum Schwimmen lernen hat die „Heinrich Heine“ gerade den Düsseldorfer Schulpreis gewonnen. In unserer Serie stellen wir die interessantesten Projekte vor.

Über längere Zeit war den Sportlehrern an der Schule aufgefallen, dass die Zahl der Nichtschwimmer in den fünften Klassen beachtlich hoch war — dabei sollen Kinder die Fähigkeit mit dem Ende der Grundschule erworben haben. Im Sommer 2005 machte die Schule deshalb mit allen neuen Fünftklässlern eine Schwimmprüfung. Ergebnis: Von 180 Kindern konnten 60 gar nicht oder nicht richtig schwimmen.

So entstand die Idee zur Nichtschwimmer-AG. Organisatorische Hürden wurden genommen, ein Schwimmbad gefunden, Bustransfer organisiert, Oberstufenschüler mit Rettungsschwimmer als Begleiter gewonnen. Seitdem kommen 20 bis 30 Schüler pro Jahrgang in den Genuss der Förderung.

Über die Gründe fürs Nichtschwimmen kann Schulleiterin Annette Günther nur mutmaßen. Zum einen gehört bei manchen Migranten das Schwimmen nicht unbedingt zu den Grundfähigkeiten. Aber auch deutsche Kinder sind betroffen. Für manche Familien sei ein Schwimmkurs offenbar zu teuer. In modernen Spaßbädern gehe es heute mehr ums Planschen und Rutschen als ums Schwimmen.

Sportlehrer Robert Bina, gebürtiger Texaner, ergänzt: „An diesen Dingen können wir nichts ändern. Aber wir können bei uns etwas tun.“ Er berichtet von einem begabten Fußballer, der auf Elternantrag für das Training von der Nichtschwimmer-AG freigestellt werden sollte. Solche Ansinnen rauben dem Lehrer den Schlaf: „Ich habe Angst davor, dass irgendwann mal einer im Baggersee ertrinkt, der bei mir Schwimmunterricht hatte.“

Für Schulleiterin Annette Günther geht es bei dem Projekt aber um mehr. Für manche schwierigen oder unsicheren Schüler sei die AG eine Gelegenheit, eine Schwäche zu überwinden: „Die freuen sich unheimlich über die Bestätigung, wenn sie es dann lernen.“

Nicht alle Schüler schaffen es innerhalb des einen Halbjahrs. Schwierig sind laut Bina diejenigen, die regelrecht Angst vor dem Wasser haben. Aber auch denen könne er helfen. Der erste Test zur Einstufung beinhaltet: mehrere Sekunden den Kopf unter Wasser halten. Daran scheiterten schon einige.

Schülerin Ersida ist inzwischen in der 12. Klasse und kann längst schwimmen. Am Ende der AG machte sie ihr Seepferdchen. Darüber kann sie heute lachen: „Vor ein paar Jahren bin ich zum ersten Mal vom Fünfer gesprungen.“

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