Hip-Hop made in Düsseldorf: Die Geschichte des Hip-Hop in Düsseldorf

Hip-Hop made in Düsseldorf: Die Geschichte des Hip-Hop in Düsseldorf

Fotokünstler Schiko war dabei, als Düsseldorf für den Hip-Hop wichtig wurde. Seine Ausführungen über die Zeit damals will er als Rap-Manifest verstanden wissen.

Düsseldorf. 1989 war ein gutes Jahr für den Rap. Vielleicht das Beste. Den Soundtrack zum Mauerfall spielten für uns nicht die Scorpions oder David Hasselhoff, sondern Big Daddy Kane, Fast Eddie und EPMD. House, Acid und Techno aus Detroit und Chicago hörten wir auch, und irgendwie vermischte sich das alles zu einem einzigen Sound. Wir, das waren eigentlich Stephen und ich. Mehr nicht. Die Platten, die wir hatten, waren meistens Importe aus den Staaten oder Großbritannien, und man musste sich mit den Plattenverkäufern gut stellen, um an die neuen Alben zu gelangen. Meine erste Rap-Single verkaufte mir Herr Krause bei Pure Freude in Derendorf 1983. „The Message“ sollte fortan fester Bestandteil meiner Mixtapes werden.

Auf unseren Partys lief sie neben Kurtis Blow, Earth, Wind & Fire, Chaka Khan und Stevie Wonder. Deutscher Rap ging damals gar nicht! Wenn denn überhaupt mal Rap lief, war er englischsprachig. Deutscher Rap war immer auch eine Parodie, denn in Deutschland verstand man keinen Rap. Ich übrigens auch nicht. Die Texte kamen bei mir nur selten, wenn, dann bruchstückhaft an. Oft rappte ich mit, was sich dann aber nur so vage anhörte wie das Original.

Der erste deutsche Rap-Song war „Rapper’s deutsch“ von GLS United (T. Gottschalk, F. Laufenberg und M. Sexauer vom Beat-Club) im Jahr 1980, kurz nach der Erstausstrahlung von „Rappers Delight“ im deutschen Fernsehen, welche ich als Jugendlicher mit offenem Mund bestaunen durfte, weil ich am nächsten Tag erst um 10 Uhr Schule hatte. Wenn Jan Böhmermann heute „Ich hab Polizei“ performt, so steht das in einer langen Tradition von Rap-Parodien, angefangen bei GLS.

1989 spielte ich auch nicht mehr in der Schülerband, die sich nach der Schule unter den Freunden gegründet hatte. Ich war 24 und interessierte mich mehr für den Hip-Hop. Ich ließ mir meine Küche von „DES“ mit einem Grafitto auskleiden, sah Filme wie Style Wars, Wild Style oder Beat Street, und träumte davon, mich wie ein B-Boy, in weißen Handschuhen und Sneakern, zu bewegen. Aber in Düsseldorf lief kein Rap. Zumindest nicht den ganzen Abend. Dafür musste man nach Köln fahren, ins Rave. Da spielten die DJs abwechselnd den neusten Rap- und House-Kram. Kleiner Laden, super laut, Strobo und Nebel.

Manchmal begleitete ich auch meine ehemalige Band zu Auftritten. So auch ‘89, zu einem Auftritt im Kulturzentrum Ratingen-Mitte, gemeinsam mit einem Jugendprojekt aus Ratingen-West, das sich „Fresh Familee“ nannte.

Ich kann nicht sagen, dass mir die Familee auf Anhieb gefiel. Es war ein bunt zusammengewürfelter Haufen Jugendlicher aus aller Herren Länder, angeführt von einem frechen, selbstbewussten und kräftigen Deutschtürken, den sie „Tachi“ nannten.

An das Konzert kann ich mich nicht erinnern, kann sein, ich stand sogar die ganze Zeit draußen, aber in den folgenden Monaten entwickelte sich die Familee zu einem angesagten Act der Düsseldorfer Musikszene und über deren Grenzen hinaus.

1990 gewannen sie den von Conny Schnabel initiierten Düsseldorfer Nachwuchspreis, investierten den Gewinn in eine Plattenproduktion im Eigenvertrieb („Coming from Ratinga“, 1991) und schufen mit „Ahmed Gündüz“ wohl den ersten auf Vinyl gepressten Deutsch-Rap-Song.

Dennoch haftet der Familee bis heute der Makel des „Sozialprojektes“ an. In der Geschichte des Deutsch-Raps werden sie oft nicht erwähnt, und in Düsseldorf, der Stadt, in der ihre Karriere startete, kennt sie heute kaum noch jemand.

Zur Manifestation ihrer Rolle als eine der ersten rappenden Bands in Deutschland trug auch die 1991 entstandene Fernsehproduktion „Fresh Familee — Coming from Ratinga“ von Detlef F. Neufert bei, die im WDR ausgestrahlt wurde und das erste Mal im Fernsehen aus dem Leben einer deutschen Hip-Hop-Band erzählte. Ich fand diese Doku damals so richtig schlecht. Heute ist sie ein Zeitdokument, wie aus einer fernen Welt.

Die Familee brachte es auf vier Alben und 1993 gaben sie die Vorband von Ice-T & Body Count auf deren Deutschlandtour. Irgendwann löste sich die Band auf. Mitte, Ende der Neunziger ist das wohl gewesen. Tachi nannte sich nun Tachiles und rappte bei der Jazzkantine aus Braunschweig, und der Plattenpapzt, DJ der Familee, übernahm den Rap in Düsseldorf. 1995 veröffentlichte er sein erstes Soloalbum, und wenn in Düsseldorf Hip-Hop-Partys stattfanden, dann lief das meistens über ihn.

Die Clubs mochten den Hip-Hop jedoch nicht. Oder besser gesagt, dessen Publikum mochten sie nicht. Dieses war sehr jung, gab wenig Geld aus, kiffte immer viel und taggte mit fetten Eddings auf die Polster, die Wände und die Klos der Veranstaltungsorte. Oft musste eine zweite Person an der Tür positioniert werden, welche die Besucher nach Stiften absuchte.

So waren die „Holiday Vibes“, die der Papzt während der Schulferien ab 1997 im Club Unique an der Bolkerstraße veranstaltete, eine erfreuliche Ausnahme. Außerdem kann ich mich aus den 90ern noch an den G-Club auf in der Liefergasse erinnern, in dem ich ab und zu die Tür machte. Den veranstaltete damals der Babak, der dann auch 1994 den Rap-Sampler „Düsseldorf lebt!“ auf seinem Label Grasshoppers veröffentlichte.

Die meisten Stücke auf dieser Platte produzierte seinerzeit Roe Beardie für Headrush, ein Tonstudio auf der Kölner Straße in Oberbilk. Ich kannte dessen Betreiber Roman „Roe Beardie“ damals noch nicht. In seinem Studio wurde allerdings bereits 1993 der größte Teil von „Alte Schule“ aufgenommen, einem der wichtigsten Alben des Deutsch-Raps: Torch, Stieber Twins, Cora E., Tony L., und MC Rene kamen damals für die Aufnahmen nach Düsseldorf.

Die Events vom Papzt besuchte ich weiterhin, im Unique Club oder im Weißen Haus in Derendorf. Ich ging auf Battles in Jugendzentren und lernte Menschen kennen, für die Hip-Hop mehr war als nur Sprechgesang. Doch ich hörte auch den Rap in den Clubs oder auf Partys. Dem Candy Club im Rheingold, Anfang der 90er, dem G-Club in der Liefergasse, den Privatpartys von Ralf Munier oder Ivan Ivanovitsch auf der Theodorstraße, A-man und seinem Kellerclub unter der Pizzeria an der Liefergasse. Den B-People, dem Café Schlonz und ab 1995 immer wieder im Unique.

Mit „Walkin Large“ produzierte Roe Beardie ab 1993 einen Act, der die Brücke schlug vom Rap, den ich hörte, zu dem Rap, der von hier kam. Die Beats aus Düsseldorf waren jetzt auch draußen angekommen, sie kamen dahin zurück, wo sie entstanden waren. Als der Papzt 1999 die Größen der Hip-Hop-Szene Deutschlands zu Aufnahmen für sein Album „Full House“ einlud, kamen sie alle, egal ob aus Stuttgart, Frankfurt, Hamburg, Berlin und Köln. Und Roe Beardie schaffte mit Hymnen wie Kool Savas’ „King of Rap“ den kommerziellen Durchbruch des Berliner „Gangsta Raps“.

2001 wurde das Berliner Label „Aggro Berlin“ gegründet, und für Sidos erstes Album „Maske“ produzierte Roe Beardie sieben der insgesamt 17 Titel (mittlerweile war das Studio in Pempelfort, an der Schloßstraße), darunter 2003 die Singles „Mein Block“ und „Fuffies im Club“. Es gab noch ein zweites Hip-Hop-Label/Studio in Düsseldorf, Loop Lab, auf der Kaiserstraße. Dort wurden von Rusbeh „Don Tone“ Düsseldorfer Künstler wie Blumio und Der neue Westen aufgenommen und produziert. Und auch Künstler von Aggro, Sido & Harris oder Das Bo gaben sich bei Loop Lab die Klinke in die Hand. Dort entstand auch 2002 das dritte Album vom Papzt „Dreamteam“ oder 2004 die Single „Sommerregen“ von Fanta 4.

Ich kannte Rusbeh von früher. Er spielte ab 1992 Gitarre bei der Fresh Familee, auf Tour und auf deren Alben. Als sich die Band dann schließlich auflöste, beschloss er, selber Beats zu basteln, und baute sich mit einem Partner das Studio auf.

Headrush und Loop Lab verschwanden irgendwann von der Bildfläche. Die Musikindustrie hatte sich verändert, und Labels wie Selfmade (2005) oder Banger (2012) verkaufen jetzt von Düsseldorf aus Hip-Hop-Dateien. So also kam der Hip-Hop aus Düsseldorf. Wie er nach Düsseldorf kam, weiß ich nicht wirklich.

Sicher haben DJs wie Jimmy, Kalle oder Henry ihren Teil dazu bei getragen. Der Hof, das Line Light und immer wieder der Unique Club. Dort habe ich die besten Hip-Hop-Konzerte in Düsseldorf gesehen. Little Brother, Frank’n Dank, Wildchild, Master Ace, Slum Village, Guilty Simpson, Phat Kat und JDilla. Gemacht hat sie allesamt Ben, zusammen mit dem Unique. Über ihn lernte ich Musiker kennen, die sich in der Tradition der afroamerikanischen Jazzgeschichte sahen. Muckemacher. Ich durfte sie fotografieren und ihnen zusehen und -hören, so wie ich es bei der Fresh Familee oder bei Headrush getan hatte.

Als ich vor kurzem mit einer Freundin zusammen im „Izmir Grill“ am Worringer Platz saß, fielen mir die vielen Kiddies auf, die plötzlich vor dem Laden standen und die Straße blockierten. Sie warteten auf ihren Star, Farid Bang, der neben uns und unserer Linsensuppe stand und sich äußerst höflich mit einem älteren Mann unterhielt. Ich überlegte noch, ob ich ihm nicht einfach eine meiner Fotopostkarten geben solle, die ich dabei hatte. Vielleicht die mit Wildchild, oder Little Brother. Oder die mit Phat Kat vom letzten J Dilla- Konzert im Unique. Ich fand aber den Moment nicht, ließ es sein und stand auf.

Als wir zum Ausgang des Izmir kamen, machte uns einer von Farid Bangs Securitys die Türe auf und blökte dabei die Jugendlichen an, sie sollen doch ein wenig Platz für uns ältere Menschen schaffen. Alles klar. Stimmt. Platz da.