Michael Zalfen (SPD): „Die Steuer muss Kinder mehr berücksichtigen“

Michael Zalfen (SPD): „Die Steuer muss Kinder mehr berücksichtigen“

Michael Zalfen (SPD) kandidiert zum ersten Mal für den Deutschen Bundestag. Der Wahlkampf von Haustür zu Haustür macht ihm Spaß. „Viele freuen sich, dass der Kandidat sich vorstellt.“

Rhein.-Berg. Kreis. Wenn er sich in die Abfahrt stürzt mit den Skiern, vergisst Michael Zalfen den Alltag, dann lässt er alles hinter sich. Im Sommer hat er das Gleiche beim Tauchen versucht — Abstand zu gewinnen. Denn es könnte sein, dass der Kandidat der SPD ein bisschen nervös wird vor dem 22. September. Die politische Großwetterlage um die Partei und den Spitzenkandidaten Peer Steinbrück ist eher von anhaltenden Tiefdruck-Perioden geprägt. Hier vor Ort verströmt der 51-Jährige freilich Optimismus und möchte auf jeden Fall mehr als 30 Prozent erreichen.

Begonnen hat er nach dem Abitur mit einem anspruchsvollen Studium: Germanistik, Geschichte und Spanisch. Das lief eigentlich alles auf eine Karriere an der Universität hinaus. Wenn die Frau nicht gewesen wäre. Und dazwischen war auch noch der Zivildienst.

Wiewohl sich Michael Zalfen daheim am Frühstückstisch vorwiegend konträren Meinungsäußerungen ausgesetzt sah (Mutter CDU, Vater FDP, Schwester Grüne), war das eine klare Sache mit der Kriegsdienstverweigerung. Aber er musste seinen Standpunkt bis zur dritten Instanz gerichtlich durchsetzen.

Während des Studiums jobbte er beim Gerling-Konzern. „Ich wollte da anfangen“, erinnert er sich. Dann kam Roland Berger ins Unternehmen und mit ihm die Maßgabe, mindestens zehn Prozent Stellen abzubauen, also niemanden mehr einzustellen.

„Mach was!“, sagte eines Tages Jeanette Koschmieder (heute 52) zu ihrem Gatten; der ging zu Metten Stein & Design nach Overath und war auf einmal Abteilungsleiter. Und überlegte immer wieder, ob er nicht doch auf die universitäre Laufbahn umsatteln sollte. Bis die Kann GmbH (Bendorf) kam, ein Unternehmen mit Hauptsitz bei Koblenz und NRW-Stützpunkt auch in Pulheim. Seither ist Zalfen dort Außendienstler für Köln, Neuss und Erft.

Der Kontakt zur SPD war bereits während des Studiums zustande gekommen, 1989, als die Republikaner in den Berliner Senat einzogen. „Da dachte ich mir: Es kann doch nicht sein, dass 44 Jahre nach dem Ende der Nazi-Diktatur wieder Faschisten in deutschen Parlamenten sitzen.“ Ein Kommilitone brachte ein Aufnahmeformular mit.

Das Ehepaar kaufte ein Haus in Bergisch Gladbach, weil für das Geld in Köln nicht mal eine kleine Wohnung zu haben war. Dann kam plötzlich der Kassierer der Partei ins Haus und lud zu einer der Krisensitzungen der Gladbacher SPD in der ersten Hälfte der 1990er Jahre. „Hätte mir damals jemand erzählt, dass ich eines Tages stellvertretender Bürgermeister sein würde, hätte ich ihn für verrückt erklärt“, sagt Zalfen schmunzelnd.

Er ist der Partei dankbar, dass sie ihn mehrfach zur Kommunalakademie schickte. In deren Kindertagen lernte der Sozialdemokrat jede Menge prominenter Politiker kennen oder solche Mitglieder, die in der Partei Karriere gemacht haben. Er lernte Rhetorik, Öffentlichkeitsarbeit, Reden schreiben und halten.

2012 stand er zum zweiten Mal vor der Frage, ob er für die SPD Rhein-Berg den Kandidaten gibt. 2004 hatte er sich eine achtjährige Babypause genommen. Im März vergangenen Jahres fiel die Entscheidung, diesmal anzutreten.

Und im Mai sah sich der Kandidat plötzlich bestätigt durch das gute Landtagswahlergebnis der SPD, die der CDU den Südkreis erstmals abnahm. „Nur 1300 Stimmen mehr, und wir hätten den Kreis komplett gewonnen.“

„Wir haben die Themen“, beschreibt er den bisherigen Wahlkampf; die Kanzlerin halte „den Ball flach“. Dagegen marschiert er von Haustür zu Haustür. „Wir haben analysiert, wo es Sinn macht und wo nicht. Und es macht einen Riesenspaß“, sagt er. „Viele freuen sich, dass der Kandidat sich vorstellt.“ Ein einziges Mal sei ihm widerfahren, dass eine Frau nicht mal das Faltblatt haben wollte — es war eine Russin.

Die Haupt-Wahlkampfveranstaltung für die SPD ist ein Auftritt von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft im September; für Wermelskirchen bemüht sich zurzeit Dieter Wiefelspütz, einen Termin freizuschaufeln. An Werbnemaßnahmen sind vorgesehen Großplaka0te, der Flyer mit der Postverteilung und die Hausbesuche, um persönlich in Kontakt zu kommen.

Politisch sieht Michael Zalfen (Examensnote: 1,9) seinen Schwerpunkt beim Thema Steuergerechtigkeit. Er findet ungerecht, dass Familien relativ mehr Steuern zahlen als Großverdiener. Er sieht die Krankenversicherung als riesengroßes Problem für die Zukunft. „Ich will keinen Millionär arm machen. Aber ich will, dass der Millionär so viele Steuern zahlt, wie es gerecht wäre“. Und die Steuer müsse Kinder mehr berücksichtigen als heute. Er begreife nicht, nennt Zalfen ein Beispiel, dass auf Babynahrung 19 Prozent Mehrwertsteuer fällig sei, aber auf Gänseleberpastete nur sieben Prozent.

Zu 100 Prozent genießt Kandidat Zalfen sein größtes Hobby: das Lesen, querbeet, wenn auch mit der Präferenz fürs deutsche Mittelalter und vor allem für den Staufenkaiser Friedrich. „Das war ein toller Mensch“, empfiehlt er das Buch „Der Mann aus Apulien“ von Horst Stern.

In den inzwischen schon wieder abgeschlossenen Urlaub auf Ibiza hatte er nicht nur Bücher mitgenommen, sondern auch seine Tauchausrüstung. „Tauchen ist wie Skifahren“, sagt der 51-Jährige — „man lässt alles über Wasser“, also hinter sich.

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