Mein Soundtrack für den Sommer: Dieses Gefühl in Lappeenranta - Sie 18, ich 16

Mein Soundtrack für den Sommer: Dieses Gefühl in Lappeenranta - Sie 18, ich 16

Als die Hits noch vom Band kamen, war „Edge of the world“ von Faith no more angesagt. Ein Song — untrennbar verknüpft mit einem Sommerflirt in Finnland.

Düsseldorf. Es gibt zwei Menschen, die ich mein Leben lang mit dem eigentlich eher unscheinbaren finnischen 78 000-Einwohner-Ort Lappeenranta im nicht ganz so berühmten Saima-Seengebiet verbinden werde: sie und ihn. Sie hieß Yvonne, ich war 16, sie 18. Ein Nordlicht, etwas spröde, aber fürchterlich intelligent. Wahrscheinlich gar so klug, dass sie nie und bis heute nicht in die Untiefen der sozialen Netzwerke abgetaucht ist. Weshalb ich diese kleine kurze Erinnerung jetzt hier niederschreiben. Und mit ihr nie wieder geteilt habe. Verschollen ist die Gute.

Einige Tage in Lappeenranta, einige Briefe, dann war sie weg. Ich habe nie mit besonders viel Verve versucht, sie wiederzusehen. Irgendwie war sie eben dann auch mental ganz weit fort. Mit 16 geht es ja weiter. Immer weiter, wie Oliver Kahn später gesagt hat, aber das hat er später gesagt, vielleicht hat man es deshalb 1991 noch nicht ahnen können. Aber: Es hat offenbar gereicht, um hier noch einmal aufzutauchen für eine Sommer-Erinnerung in Finnland. 1991. Wenn ich mich recht erinnere, war es der erste wirklich große Urlaub ohne meine Eltern. Eine Reisegruppe von jungen Menschen, drei Wochen Finnland und Russland. Mücken, Hitze, Orientierungssuche.

Er? Ist Michael Patton, Sänger von „Faith no more“. Der war weiter weg als Yvonne, logisch, und das war auch gar nicht schlimm, aber seine Musik habe ich wirklich gerne gehört. Höre ich heute noch gerne. Vielleicht ist Musik die beste Art, sich an die Vergangenheit zu erinnern. An Momente, alte Gefühle, womöglich auch an Menschen. Vieles verfliegt. Aber die Musik und mit ihr die Momente bleiben, als wäre das eine gute Gelegenheit für das Gehirn, die richtigen Synapsen zu verbinden.

In dem Dreierzimmer mit Etagenbett, das ich mit zwei Freunden bewohnte, haben wir viele erste Getränke getrunken. Geblödelt, gelacht. Und Musik gehört. Faith no more, Pearl Jam, was damals so angesagt war. Was wir cool fanden. Vielleicht auch das, von dem wir dachten, dass es andere cool fanden. Irgendwann hat sich das dann eben ineinander verfestigt: Erwartung und eigene Wahrnehmung. Vielleicht funktioniert so auch Pubertät, wer weiß. Ich erinnere mich an den Walkman mit den fürchterlich orangenen Kopfhörern, für den man heute noch ein mitleidiges Lächeln ernten würde. Ich hab die Kassette hin und her gespult, Marke „Maxell“ (gibt es die noch?). Die waren durchsichtig und produzierten nicht so schnell Bandsalat wie die von BASF.

Das Album: „The Real Thing“, von 1989. Unfassbar gut, noch heute. Der Song: „Edge of the world“ — mein Soundtrack. Obwohl der Text abgedreht, grenzwertig und völlig unromantisch ist. Aber das hat mich damals nicht interessiert, wahrscheinlich wusste ich es auch nicht, noch heute höre ich Texte wohl, messe ihnen aber kaum Bedeutung bei. Weil die Inszenierung von Musik — das ist meine Überzeugung — zuletzt einen Text braucht. Er ist unwichtig, mindestens für mich.

Immer wieder habe ich den Song gehört in diesen finnischen Tagen. Und ganz oft, nachdem ich Momente zuvor noch versucht hatte, Yvonne näher zu kommen, die mit ihren 18 Jahren auch die Aufmerksamkeit anderer junger Menschen genoss. Ich war nicht allein auf der Welt, das Gefühl war mir wirklich fremd. Ich war durchaus schüchtern. Bis ich ihre Hand ergriffen hatte, dudelte die Kassette viele Male. Und auch danach wieder und wieder, und jetzt wurde das Gefühl dazu auch immer besser. So gut, dass ich mich fast 25 Jahre danach noch erinnere. Yvonne, Faith no more und ich. Wobei das Komische daran ja auch ist, dass die Gute von dieser musikalischen Finnland-Leidenschaft niemals etwas mitbekommen hat. Komisch eigentlich.

Ohnehin — ich sagte es schon — war dieser Sommerflirt schnell Geschichte. Es gab einige Briefe, ein Nachtreffen, ich holte sie vom Bahnhof ab, aber alles war jetzt etwas anders, als dieses Gefühl in Lappeenranta, ich 16, sie 18.

Die Musik ist geblieben, noch heute höre ich Faith no more. Ich sah sie auf Konzerten, manchmal habe ich dann auch mal kurz an diesen Sommer 1991 gedacht, ich weiß es nicht mehr wirklich. Auch, weil die Band den Song „Edge of the World“ nie gespielt hat, wenn ich sie live erlebte. Es war auch kein großer Hit, aber es war gut. Für mich. Und vielleicht auch einige andere. Als ich über das Lied im Internet recherchierte, schrieb einer: „Der Text ist wirklich krank. Aber es ist vielleicht das beste Lied der Welt.“

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