Eurovision Song Contest: Eurovision Song Contest: So richtig im ESC-Fieber ist Lissabon nicht

Eurovision Song Contest : Eurovision Song Contest: So richtig im ESC-Fieber ist Lissabon nicht

Portugal startet in die ESC-Woche. Die Hauptstadt Lissabon hat sich zurecht gemacht - so richtig in Stimmung kommt man aber nicht. Ein Bericht von unserem ESC-Experten Torsten Tognotti, der jedes Jahr live dabei ist.

Lissabon. Nach Spuren des ESC muss man in Lissabon nicht lange suchen: Am Flughafen wirbt bereits am Gepäckband ein großes Plakat für das bevorstehende Ereignis. Auch in der Stadt sind etliche Taxen mit dem Slogan des diesjährigen Contests beklebt: „All Aboard!“ (engl.: „Alle an Bord“), ebenso einige Busse. Die Macher haben sich für ein maritimes Logo entschieden - schließlich liegt Lissabon am Meer. Besonders rund um den Veranstaltungsort, die MEO-Arena, stehen viele Flaggenmaste mit den Motto-Fahnen. Keine Frage: Im Stadtbild ist der Song Contest präsent.Schaut man genauer hin, ist die Präsenz jedoch nicht zu vergleichen mit vielen anderen Städten, die als Gastgeber großen Aufwand betrieben hatten.

In den Geschäften zum Beispiel merkt man vom ESC-Fieber nur wenig - obwohl es ja am Dienstag bereits losgeht. Selbst im direkt gegenüber der Halle liegenden Einkaufszentrum „Vasco da Gama“ ist kein ESC-Flair zu spüren: Keine Werbung, keine Merchandising-Artikel. Einzig die täglich größer werdende Anzahl der akkreditieren Pressevertreter und Fans zeugt vom bevorstehenden Großereignis.


Daniela Costa ist Teamleiterin einer Filiale einer amerikanischen Fastfoodkette. Sie interessiert sich nicht für den Song Contest, sagt sie. Aber sie freut sich natürlich über die Touristen. Davon kommen immer mehr, je näher das Ereignis rückt. Sie hatte 2017 nicht damit gerechnet, dass Portugal gewinnen würde, erzählt die 22-Jährige. Den Wettbewerb nun auszurichten - das sei für das Land "schon eine Ehre". Zumal es der erste Sieg ist.

(Am Flughafen ist der Slogan des Song Contests zu sehen. Foto: WZ)

Auch Optikerin Marianna Carvahlho (24) hat den Eindruck, dass mehr Menschen kommen. Sie freut sich, "andere Kulturen kennenzulernen", sagt sie. Menschen aus Ländern, zu denen sie bisher keinen Bezug hatte. Und der ESC selbst? Der sei für sie nicht interessant sei, wie sie sagt. Nicht ihre Welt.

Den wirtschaftlichen Aspekt stellt João Belo (58), Taxifahrer, in den Vordergrund. „Durch den Song Contest wird die Wirtschaft angekurbelt", sagt er. "Das Geld kann Portugal gut gebrauchen.“ Gleichwohl ist ihm bewusst, dass die Ausrichtung des Eurovision Song Contest eine beachtliche Geldsumme beansprucht. "Aber die wird wieder ins Land zurückfließen", ist er sich sicher.

Überhaupt wird der wirtschaftliche Aspekt immer wieder erwähnt, wenn man mit Portugiesen über den Wettbewerb spricht. So geht zum Beispiel auch Hotelrezeptionistin Rita Duarte (35) von einem wahren "Geldsegen" aus - und von positiven Aspekten fürs Image: Lissabon habe Erfahrung mit großen Events, sei schließlich 1998 Standort der Expo gewesen. Die Stadt werde somit auch in der Lage sein, den ESC auszurichten - und der Welt zu zeigen, dass „man zwar ein kleines Land ist, aber durchaus so ein Ereignis stemmen kann.“ Portugal eben könne mehr als nur Christiano Ronaldo.

Wirtschaft, Image, Geldsegen? Nina Castro ist 16 Jahre alt, Schülerin und für sie steht der Spaß im Vordergrund. Sie freut sich auf den Song Contest, den sie "voller Stolz" in ihrer Heimatstadt erleben darf: "Das wird eine große Party - und jeder ist eingeladen!"

Duarto Pontes empfindet das anders. Er ist 47 Jahre alt und lebst seit zwei Jahren als Obdachloser auf den Straßen Lissabons. Er beklagt, dass dem Land das Feiern wichtiger sei, als etwa ärmeren Menschen zu helfen, soziale Probleme anzugehen. Für so ein großes Festival sei Geld da - "ob es sich das Land leisten kann oder nicht!"

Wie sich in der heißen Phase der ESC-Zeit das Stadtbild noch verändert, ob mehr Werbung gemacht wird und wie viel vom "Geldsegen" wirklich hängen bleibt, wird sich zeigen. Für Portugal ist der Song Contest auch ein Experiment zum Lernen - das Land ist zum ersten Mal Gastgeber.

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