Mein Soundtrack für den Sommer: Die wichtigste Platte im Leben

Mein Soundtrack für den Sommer: Die wichtigste Platte im Leben

Meine erste Schallplatte von Jethro Tull war „Thick as a brick“. Der Beginn einer Freundschaft fürs Leben.

Wuppertal. Sommer 1972. Ich war 16 Jahre alt und auf einer Party. Mit einem Mädel auf der Tanzfläche. Soweit ganz normal. Aber dann kam ein Moment, der sich bis heute auf mein Leben ausgewirkt hat. Der DJ legte neu auf. Die Musik kannte ich nicht. War aber gut. Nein — die war nicht gut, die war spitze! Sowas hatte ich noch nicht gehört. Ich weiß es genau: Ich stand wie vom Donner gerührt und hörte nur noch diese Musik — wie in Trance. Ich informierte mich über die Gruppe, die schon fünf Jahre existierte: Jethro Tull. Und diese besondere Platte war kurz vorher veröffentlicht worden: „Thick as a brick“.

Als ich wenig später im Schüleraustausch in der Bretagne war, stand diese Schallplatte da in einem Laden und sagte: „Kauf mich. Wir werden Freunde.“ Und sie hat Recht gehabt: Wir sind im Laufe der Jahre dicke Freunde geworden. Keine Ahnung, wie oft ich sie schon gehört habe. Ist auch egal — ich liebe sie und sie ist nach wie vor die wichtigste Platte in meinem Leben. Die Musik ist einfach zeitlos schön.

Im Laufe der Zeit habe ich sie in mehreren Ausführungen angeschafft, als LP und CD. Ein Knaller ist bis heute das Originalcover in Form einer Tageszeitung mit zwölf Seiten. Das war und ist etwas Besonderes. Das Ding hat seinen Ehrenplatz. Die Gruppe Jethro Tull wurde dann auch ganz automatisch mein ständiger Begleiter. Den Ausschlag gab Bandleader Ian Anderson mit seiner Querflöte. So wie er spielt sie kein zweiter auf diesem Planeten. Die Platte war ein so genanntes Konzeptalbum, das sich einem Thema widmete. Die neue Kategorie war fortschrittlich-progressiv und nannte sich „Progressive Rock (Prog-Rock). Über die Jahre habe ich Ian Anderson & Co. bis heute 14 mal live gesehen — und natürlich meinen Plattenschrank aufgefüllt mit allem, was die Musiker produziert haben. Ein besonderes Jahr war 2012, als die Fortsetzung erschien: „Thick as a brick 2“.

Der Gedanke war folgender: Die Hauptperson der ersten Platte war ein zehnjähriger Junge, der mit seinem Gedicht an einem Literaturwettbewerb teilgenommen hatte. Seitdem sind 40 Jahre vergangen. Was könnte aus diesem Jungen alles geworden sein? Auf dem neuen Konzeptalbum wurden dann in den Stücken verschiedene Gedankenmodelle durchgespielt. Ein musikalischer und intellektueller Genuss. Dazu gab es auch eine Welttournee, bei der beide Werke nacheinander vollständig gespielt wurden.

Und dann bahnte sich eine großartige Konzertreihe in Wuppertal an: Drei Abende mit dem Sinfonieorchester und der Kantorei Barmen Gemarke. Im Vorfeld hatte ich das Glück als Fotograf im November 2014 bei einem Interview mit Ian Anderson und seinem musikalischen Leiter der Konzertreihe John O’Hara teilnehmen zu können. Da saßen wir also und hatten Zeit zum Reden. Es war schon ein eindrucksvolles Erlebnis, diese beiden Menschen einmal persönlich kennen zu lernen: Kein Promi-Gehabe, sondern echte Offenheit und Aufeinander-Zugehen. Sie waren bescheiden und engagiert, gleichzeitig ernsthaft und humorvoll, gaben Antworten statt Plattitüden von sich. Bei den Konzerten im April 2015 in der Wuppertaler Stadthalle war ich dann auch zur Generalprobe eingeladen und einer von sechs (!) Gästen. Ein tolles Erlebnis. So habe ich meine ganz persönlichen intensiven Erinnerungen.

2016 kam das nächste Highlight: Die Rockoper „Jethro Tull“, die sich mit dem Leben eines englischen Landwirts aus dem 18. Jahrhundert beschäftigte. Diese historisch gesicherte Person war der Namensgeber für die Band. Auch wieder eine Konzeptarbeit. Anhand des Protagonisten werden Themen wie Natur, Umweltschutz, technische Entwicklung oder Genmanipulation beleuchtet.

Ian Anderson ist einer der wenigen Künstler, die ihren intellektuellen Anspruch und ihre Qualität im Laufe der Jahrzehnte (2017 hat er 50-jähriges Bühnen-Jubiläum!) nicht nur gehalten, sondern weiterentwickelt haben. Da konnte man einen faszinierenden Reifeprozess mitverfolgen. Das gibt’s nicht sehr oft. Diese Musik kommt generationenübergreifend an. Und in Kürze (am 26. September) ist zum Jubiläum mal wieder ein Best-of-Konzert fällig. Da sind wir natürlich auch wieder. Für mich ist es das 15. Konzert.

Diese Musik von Jethro Tull ist eine musikalische Konstante in meinem Leben, die ich nicht missen möchte.

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