Mein Soundtrack für den Sommer: Der Sommerhit im Schuhgeschäft

Mein Soundtrack für den Sommer: Der Sommerhit im Schuhgeschäft

Vor den aktuellen Ohrwürmern gibt es ebenso wenig ein Entrinnen wie vor alten. Das kann schön sein. Aber manchmal ist es auch ziemlich nervig.

Wuppertal. Zieh’ Dich schon aus, sei nicht so schüchtern“: Wie gut, dass Imany in englischer Sprache aus dem heißen Auto mit heruntergelassenen Scheiben dröhnte. Zehn Wochen stand sie im vergangenen Jahr mit „Don’t Be So Shy“ an der Spitze der deutschen Single Charts, und es gab kein Entrinnen vor ihr. Genauso wenig wie dieser Tage vor „Despacito“ von Luis Fonsi.

Foto: dpa

Doch so ist das nun einmal mit Sommerhits. Die sucht man sich nicht aus, die passieren einem. Und bleiben dann mit ein bisschen Glück oder Pech — je nach Betrachtung — ein Leben lang.

Insbesondere, wenn man 16 ist und sagenhaft verliebt, hängen sich Ferien-Songs wie Kletten ins Hirn und erinnern auch noch 30 Jahre später an eben jene Zeit. Ob man will oder nicht.

Patenkind Maria, 16, mag zurzeit beispielsweise „No Roots“ von Alice Merton. Vielleicht gefällt ihr das eingängige Stück ja noch mit 46, wenn sie an den August 2017 zurückdenkt. Vielleicht hält sie es dann aber auch für ziemlich nichtssagend.

Doch das ist egal, denn Sommerhits bestehen unabhängig von vermeintlich-tatsächlicher Güte, sie entziehen sich jeder Bewertung. Der eine hat das Glück, einen heißen Juli mit John Lennons Double Fantasy-Album als entscheidenden Monat seiner Jugend abspeichern zu können. Für den nächsten waren Robbie Williams, die Backstreet Boys oder Shakira Begleiter bedeutungsschwerer Lebenswochen. Wieder andere mussten mit Eiffel 65 unsterblich verliebt sein und dabei ganz „Blue da ba-de-da ba da“ .

Belangloses Tralala, vernachlässigenswerter Quatsch? Eben nicht. Sommerhits sind wichtig. Sie machen euphorisch, glücklich, sentimental, nachdenklich, traurig. Je nach dem.

Wenn sie laufen, sind für ein paar Minuten Aufmerksamkeiten verschoben, ticken innere Uhren anders — kommen Erinnerungen. Und die erfordern besondere Momente: Stimmungen, in denen man sich ihnen komplett und mit ungeteilter Aufmerksamkeit widmen möchte. Weil ein bestimmter Augenblick noch einmal bewusst wahrgenommen werden will, eine vor langer Zeit empfundene Sekunde gefühlsmäßig nachvollzogen.

Deshalb ist es eine Zumutung und fast schon übergriffig, wenn in Geschäften, Wartezimmern und Aufzügen ohne Vorwarnung die größten Hits der 70er, 80er und 90er Jahre laufen — zu oft und zu viel. Gedankenlos vermengt mit „dem Besten von heute“.

Den wichtigsten Song des einst wichtigsten Sommers im Schuhgeschäft des örtlichen Einkaufszentrums aufgedrängt zu bekommen, empfindet nicht jeder als die reine Freude.

Überhaupt kann es eine dramatische Fehleinschätzung sein, die älter werdenden 60er- und 70er-Jahre-Generationen mit Oldies zu beschallen in der fatalen Annahme, dass schon damals totgeduldelte Ohrwürmer wie „It’s Raining Men“ sie in freudig-juvenile Kauflaune versetzen werden. Aufspringen von der Krankengymnastik-Liege und schreiend wegrennen möchte man doch, wenn noch vor dem Frühstück „Girls Just Want to Have Fun“ von Cyndi Lauper in die Rückenmassage zetert.

Aber zurück zum Sommerhit. Der bleibt ganz besonders wertvoll, wenn er eben nicht in den Charts zu finden ist - oder zumindest nicht ganz oben in den deutschen. Sondern im Sommer vor vielen Jahren regelmäßig blechern aus einer französischen Musikbox schnarrte, weil die Strandbar-Besucher unermüdlich Geldmünzen hineinrollen ließen, um ihn wieder und wieder anzuwählen. Abende mit unfassbar süßer Bierplörre namens Tango kommen einem da in den Sinn, nächtliche Motocross-Fahrten am Strand und gecrashte Pool-Partys in privaten Ferienhäusern. Dazu der allgegenwärtige Duft von Pinien, Salzluft und Kokosöl - das keinesfalls die Sonne abschirmen sollte.

Jahrzehnte später ist „L’Aventurier“ natürlich auch in der Jukebox der Gegenwart erhältlich, bei YouTube: das damals überaus erfolgreiche Stück einer hierzulande weniger bekannten New Wave-Rockband namens Indochine. Kinderreimartig hämmernd, flach beschwörend und eigentlich nicht der Rede wert.

Aber im kleinen Dorf am Meer damals ein echter Hit. Was von ihm blieb, ist der Sound eines Sommers. Und die Erinnerung an bemerkenswerte Wochen voller Musik und Tempo, in denen die Zeit endlos war.

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