Mein Soundtrack für den Sommer: Azzuro — Sehnsucht im Punk-Rhythmus

Mein Soundtrack für den Sommer: Azzuro — Sehnsucht im Punk-Rhythmus

Der Song machte Adriano Celentano weltberühmt, stammte aber von Paolo Conte. Und dann sangen ihn die „Toten Hosen“.

Düsseldorf. Einmal gehört, sofort auf Kassette kopiert: „Azzuro“, die Schmalz-Hymne über den zu blauen Nachmittag, den Zug der Sehnsucht in falscher Richtung und die vermisste, ferne Frau. Natürlich nicht in der klebrigen Schlager-Version von Adriano Celentano (ich hätte das mühsam in den Käfer gebastelte Kassetten-Radio eher im Rhein versenkt, als Celentano abzuspielen), sondern in der nigelnagelneuen Punk-Fassung der „Toten Hosen“ von dem Album „Kreuzzug ins Glück“.

Es erschien im Mai 1990, und im Juli darauf lief „Azzuro“ in Dauerschleife mit 34 PS von Freiburg über Basel, Luzern, Bellinzona, Lugano, Como, Mailand, Piacenza, Parma, Bologna und schließlich nach Florenz bis auf den kleinen kommunalen Campingplatz oberhalb der Piazzale Michelangelo.

Ich fand damals, dass das ein schöner Kontrast war zu dem gefühlten Großkotzdeutschland, das sich zwischen Wiedervereinigungs- und Weltmeisterschafts-Euphorie ausbreitete (wobei ich aus ehrlichem Fußball-Desinteresse in Italien mitbekam, dass die WM lästigerweise dort stattfand). Und dazu dudelte dann auch noch 16 Wochen lang „Verdammt, ich lieb’ Dich“ von Matthias Reim aus dem Radio. Gegen all das half das Hosen-„Azzuro“.

Statt des blaskapelligen Hump-ta-tas, mit der die Celentano-Fassung beginnt, war in der Hosen-Version einleitend ein Anrufbeantworter zu hören, auf dem sich eine Frauenstimme beschwerte, dass die Musik zu laut sei — und dann ging es los, mit lautmalerischen Würgereizen Campinos und dem üblichen kunstlosen, aber wirkungsvollen Tote-Hosen- „1,2,3,4“-Schrammel-Schrammel-Rhythmus. Dazu gab es noch ein Video, in dem die Hosen sich den Opel klauen lassen. Regisseur war (wie bei vielen Hosen-Videos) Hanns Christian Müller, von dem auch die Gerhard-Polt-Filme „Kehraus“ (1983) und „Man spricht deutsh“ (1988) stammen.

Der Sommer 1990 ging ebenso vorüber wie die TÜV-Zulassung des tapferen kleinen Autos, aber „Azzuro“ blieb mein Sommer- und Italien-Song. Erst zwei Autos später (Peugeot 306 Cabriolet, Baujahr 1997) war dann auch ich mal auf die Version von Paolo Conte gestoßen, der das Lied ja 1968 nach einem Text von Vito Pallavicini für Celentano komponiert, aber erst 1985 selbst eingespielt hatte. Ich mochte seinen rauchigen Sprechgesang und das hämmernde Stakkato seines lässigen Klavierspiels sehr. Das war dann nur nicht mehr das Käfer- und-Campingplatz-Italien, aber auch ganz schön. Und inzwischen stört es mich auch nicht mehr, wenn Celentano „Azzuro“ im Radio singt. Geht ja vorbei, und außerdem habe ich ja inzwischen (neben den anderen) die Version von Björn Casapietra auf dem iPod.

Björn wer? Casapietra. Müssen Sie den kennen? Nö, lohnt aber: 1970 in Genua geboren, aufgewachsen in Berlin, Mutter italienische Sopranistin, Vater deutscher Dirigent, sein Halbbruder Uwe ist der Gitarrist von „Silly“.

Björn Casapietra ist Opernsänger (Tenor) und war bis 2015 vor allem einem Publikum in den neuen Bundesländern bekannt, wo er viele und sehr beachtete Konzerte in Kirchen gab (macht er immer noch). Und dann nahm er ein ganz anderes Album auf: „Un Amore Italiano“, 13 italienische Lieblingslieder, darunter „Azzuro“ (laden Sie nicht nur diesen einen Song, kaufen Sie gleich die ganze CD; freut sich der Künstler und Sie auch).

Casapietras „Azzuro“ ist ganz anders als Conte, Celentano und die Hosen (von den zahlreichen deutschsprachigen Verhunzungen reden wir gar nicht erst). Gesanglich ist das Stück keine große Herausforderung, es bewegt sich ohne große Klimmzüge innerhalb einer Oktav.

Aber selbst bei einem so simplen Stück kann ein Opernsänger ja nicht so tun, als würde er nicht professionell singen können. Es klingt (wie die ganze CD) halt nur so, als ob ein Profi Ihnen ganz privat etwas vorsingt; ohne Pathos, ohne Show. Einfach, weil das Lied so schön ist.

Dazu hat Casapietra sanft den Rhythmus bearbeitet, so dass selbst ein Lied über den zu blauen Nachmittag, den Zug der Sehnsucht in falscher Richtung und die vermisste, ferne Frau völlig entspannt wirkt. Und wenn Sie es im Auto hören, haben Sie überhaupt keine Lust, schneller als 120 zu fahren. Es ist zwar nie wieder so wie damals im Käfer. Aber es dauert so lange.

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