Fakten und Fälschungen Wie Moskau nachträglich den ESC 2016 gewinnt

Neuland. Irgendwann im Januar wird die Desinformations-Maschinerie des Kreml der eigenen Bevölkerung wohl mitteilen müssen, dass ein faschistisches Medien-Komplott (Ukraine?

Die ukrainische Sängerin Jamala hat in Stockholm mit dem Lied „1944“ den ESC 2016 gewonnen. In dem Song ging es um die Vertreibung der Krim-Tartaren durch Stalin, was in Russland gar nicht gut ankam.

Die ukrainische Sängerin Jamala hat in Stockholm mit dem Lied „1944“ den ESC 2016 gewonnen. In dem Song ging es um die Vertreibung der Krim-Tartaren durch Stalin, was in Russland gar nicht gut ankam.

Foto: Sasha Samsonova

Merkel?) verhindert hat, dass der „Eurovision Song Contest“ 2017 in Moskau stattfindet. Das stand in der wirklichen Welt überhaupt nie zur Debatte, da in diesem Jahr die ukrainische Sängerin Jamala in Stockholm mit dem Lied „1944“ gewonnen hat. In dem Song ging es um die Vertreibung der Krim-Tartaren durch Stalin, was in Russland gar nicht gut ankam.

Noch schlechter käme im Kreml an, wenn Kiew die Austragung der größten europäischen TV-Show mit rund 30 Millionen Zuschauern weltweit im Mai 2017 nutzen könnte, um die russische Besetzung der Krim und die russischen Militäraktionen in der Ost-Ukraine zum Thema zu machen — weshalb die Propaganda aus allen Rohren feuert.

Schon Anfang September behaupteten russische Staats-Medien (darunter RT, Sputnik und Istwestija), das Austragungsrecht werde aufgrund ukrainischer Finanz-Schwierigkeiten auf Russland übertragen. Die phantasievolle Argumentation ging so: Da Australien als Zweitplatzierter des ESC 2016 nicht infrage komme, stehe Russland die Austragung zu. Zudem sei ja ohnehin der russische Sänger Sergej Lazarev der wahre Sieger in Stockholm gewesen und die Ukrainerin Jamala bloß wegen eines neuen Wertungssystems auf Platz 1 gelandet.

Wie „stopfake.org“ aufdeckt, eine unabhängige ukrainische Medienplattform (Link zum deutschsprachigen Bericht: goo.gl/bV4Urj), berichtet nun ein ganzer Chor russischer Medien, dass der ESC 2017 nicht in Kiew, sondern in Moskau stattfinden werde. Das, so die Behauptung, wollten die Organisatoren der Europäische Rundfunkunion EBU nicht ausschließen, heißt es unter Berufung auf einen Bericht der Bild-Zeitung unter anderem bei RIA Novosti, Interfax, TASS, dem Sender Dozhd, Izvestia, Life.ru, Rossiyskaya gazeta, Vesti und dem Fernsehsender des russischen Verteidigungsministeriums.

Blöd daran: Der Bild-Bericht ist zwar lustiger Spekulatius (siehe hier: goo.gl/rzP8dT) — nur die EBU als angebliche Quelle der Moskau-Überlegung kommt darin nicht vor. Der ESC 2017 findet am 9., 11. und 13. Mai 2017 im Internationalem Messezentrum Kiew statt, der internationale Kartenvorverkauf beginnt laut EBU im Januar.

Fakten und Fälschungen: Wie Moskau nachträglich den ESC 2016 gewinnt
Foto: Schwartz, Anna (as)
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