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Digitale Verunsicherung: Von (un-)freiwilliger Internetabstinenz

Digitale Verunsicherung : Von (un-)freiwilliger Internetabstinenz

Leben ohne Internet? Gut, bisweilen wünschten wir uns ein wenig Ruhe im digitalen Alltag und dass E-Mail, neue Medien und Infoflut nicht bis in den letzten Winkel unserer Privatsphäre vordringen.

Ein Wochenende ohne Internet, ein paar Urlaubstage ohne Netzanbindung, sie erscheinen uns als verlorenes Paradies.

Doch was in freiwilliger Wunschdosierung attraktiv erscheint, das treibt uns zur Verzweiflung, wenn wir gezwungenermaßen komplett vom Internet abgekoppelt werden. Das kann rasch geschehen, beispielsweise wenn wir den Anbieter wechseln oder neue Hardware zum Einsatz bringen. Meine Erfahrung: Ein Umzug im gleichen Viertel ließ meinen Internetzugang auf Wochen zusammenbrechen. Da erfährt man die doppelte Abhängigkeit: zum einen vom Provider, der außer einer gleichgültigen freundlichen Hotline nichts vorhält, zum anderen vom Internet, dessen Dienste und Kommunikationsformen uns vorenthalten bleiben, wenn sie nicht gerade aufs Smartphone-Display passen.

Die Freiheit, ohne Netzanbindung zu kommunizieren, sich zu informieren und den Alltag zu organisieren, ist Illusion. Ohne Anschluss an die Netzökonomie rückt die Welt in weite Ferne. Wer seinen Standort wechselt, ohne sich beizeiten um die Netzversorgung zu kümmern, wer zu Hause und am Arbeitsplatz von Netzfehlern betroffen ist, hat Zeit genug, in den Trauergesang einzustimmen. Da wird im Chor der Leidtragenden auf Anbieter geschimpft, die Netzökonomie kritisiert und die Hardware verflucht. Der Katzenjammer findet allerdings in den Foren des Internets seinen Raum. Wer keine Anbindung hat, gehört nicht einmal zur winselnden Community.

Längst haben wir den Garten Eden verlassen, in dem die Früchte noch analog und die Erkenntnisse echt waren. Aus der digitalisierten Welt führt kein Weg zurück. Und wer den Zugriff durch technisches Versagen oder simplen Verwaltungsakt verliert, wessen DSL-, Kabel- oder Funkkontakt ausfällt, der leidet im Vorhof der Warteschlange. Das Resümee: Eine Welt ohne Datenverkehr fasziniert nur, wenn wir uns darüber austauschen können. Im Web. Die Sehnsucht nach einer internetfreien Zeitzone ist pure Digitalromantik.