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Retter in Tirol: Die Gefahren der Idylle

Retter in Tirol: Die Gefahren der Idylle

Ski-Touren abseits der Pisten boomen. Leider steigt damit auch die Zahl der Unfälle. Zum Ende der Saison ein Blick nach Österreich.

Düsseldorf. Eine letzte Abfahrt will der Tiroler Mediziner vor Liftschluss schnell noch machen. In der Dämmerung entscheidet er sich gegen die Piste und für steiles Gelände — obwohl er es besser wissen müsste. Dort verfährt sich der Mann, kommt nicht mehr weiter. Für den Einsatz des Rettungshubschraubers ist es zu dunkel, das Wetter eigentlich zu schlecht.

Wenn nicht ein kleines Wunder geschehe, sei das dann „der klassische Unterkühlungstote, den wir am nächsten Morgen finden“, sagt der Chef der Tiroler Alpinpolizei, Erich Ladstätter. Denn so gut die Rettungskette im beliebten Urlaubsland auch ist — die Natur setzt Grenzen.

Ladstätter ist seit mehr als 30 Jahren Bergführer, Skilehrer und Flugretter. Sein Team kommt zum Einsatz, wenn im Wintersport-Urlaubstraum etwas erheblich schief gelaufen ist. Aus Sicht des Retters steigt der Leichtsinn von Urlaubern, aber auch von Einheimischen in den Alpen seit Jahren erheblich. Abseits der Pisten lauern Gefahren, die selbst für erfahrene Alpinisten nur schwer einzuschätzen sind.

Vor allem die boomenden Ski-Touren, bei denen an guten Tagen inzwischen Hunderte mehr oder minder erfahrener Hobby-Sportler mit Fellen an den Skiern einen Berg im freien Gelände hinaufstapfen, machen den Experten Sorgen. Immer wieder treten Menschen dabei Lawinen los, die sie selbst oder andere verschütten. „Die Zunahme von Ski-Bergsteigern ist extrem“, sagt der Chef der Bergrettung von Gries im Sellrain, Gerhard Baumann. Er nennt es „beinahe schon einen Breitensport“.

Während deutsche Wintersportler aus dem Flachland gern behaupten, Lawinengefahren in den Alpen einschätzen zu können, meint der einheimische Retter: „Sicher sagen, ob ein Hang befahrbar ist oder nicht, kann keiner.“ Dafür hänge ein Schneebrett von viel zu vielen Faktoren ab.

Anfang des Jahres ist Baumann mit befreundeten Bergrettern selbst auf einer Ski-Tour. Wegen der Lawinen- und Schneesituation entscheiden sich die Sportler gegen den Aufstieg auf einen Berg in der Schrankogelgruppe und wählen den gegenüberliegenden Hang. „Als wir uns auf dem Rückweg umdrehen, sind da 40, 50 Leute oben“, erzählt Baumann. Stunden später müssen sie doch in die Gefahrenzone — diesmal dienstlich: Eine Lawine hat sich gelöst und mehrere Menschen verschüttet. Ein Mann stirbt.

Die Statistiken belegen: In Tirol kommen jedes Jahr mehr als doppelt so viele Menschen bei Bergunfällen ums Leben als auf der Straße. Österreichweit nahm die Zahl der Unfälle bei Ski-Touren mit mindestens 203 in der endenden Saison erheblich zu; 23 Menschen (im Vergleich zu zwölf in der Saison davor) starben. Die Zahl der Lawinenopfer liegt mit mindestens 22 ebenfalls deutlich höher als in der Saison 2011/12.

Mit immer besseren Ausrüstungen und Rettungsmöglichkeiten steigt auch die Risikobereitschaft. Dabei wird den Sportlern ein Gedanke der modernen Leistungsgesellschaft, alles kontrollieren und kaufen zu können, zum Verhängnis. „Vollkasko-Mentalität“ nennt das der Alpinpolizist: „Die Leute sind überzeugt: Ich bin gut versichert, und wenn was passiert, kommen Heli und Bergrettung.“ Dass die auch mal im Tal bleiben müssen, weil es für die Retter selbst zu gefährlich ist zu starten, sei für viele kaum vorstellbar.

Auf einem Flugplatz außerhalb von Innsbruck warten der knallgelbe Hubschrauber „Christopherus 1“ und sein Team auf ihren Einsatz. In einem Zwinger sitzt Schäferhund Ronnie. „Er schaut jedem Hubschrauber hinterher“, sagt sein Herrchen, Lawinenhundeführer Herbert Spigl. Ist die Tür des Helis offen, springt Ronnie hinein. Das flugbegeisterte Tier ist ein ausgebildeter Lawinenhund und gehört — wie der Pilot, der Hundeführer, der Flugretter und der Notarzt — zur Standardbesatzung des Rettungshubschraubers. Drei Menschen hat Ronnie bereits unter Schneemassen erschnüffelt — leider alle tot. „Eine Lebend-Bergung wäre unser Traum“, sagt Spigl.

In kaum einer Gegend gibt es, vor allem im Winter, eine solch hohe Dichte an Rettungshubschraubern wie in Tirol: 15 stehen um Kitzbühel, Ischgl und St. Anton bereit. Mit den Verkehrsclubs konkurrieren zahlreiche private Anbieter um die lukrativen Einsätze. Fast jeder verletzte Tourist wird inzwischen für 80 Euro die Flugminute auf diesem Transportweg ins Krankenhaus befördert, selbst wenn er „nur“ einen gebrochenen Knöchel hat.

Dauerte die Bergung mit Pistengeräten früher Stunden, ist heute so gut wie jeder Verletzte in 30 Minuten beim Arzt. „Das ist schon ein bisschen Komfort-Medizin“, sagt ein Notarzt. Doch Touristiker wie Urlauber wollten das Angebot. Schwierig für die Retter: Viele Menschen entwickeln dadurch das Gefühl, sich in einem organisierten Winter-Wunderpark zu bewegen, in dem ihnen nichts passieren kann.

Bergretter Baumann und seine allesamt ehrenamtlichen Kollegen ziehen los, wenn der Hubschrauber wegen schlechter Bedingungen nicht aufsteigen kann. Stundenlang kämpfen sie sich oft durch unwegsames Gelände. „Wenn wir ankommen, ist es häufig zu spät.“

Es sind die seltenen positiven Erlebnisse, die den Tiroler motivieren. Ein gerettetes Lawinenopfer schickte ein Foto mit Frau und Kindern im Arm. Ein anderes Mal kam ein Paket mit Süßigkeiten und kleinen Schutzengel-Figuren: „Das ist für uns mehr Lohn als irgendetwas anderes.“ Und es ist eine Mischung aus Pflichtbewusstsein und Heimatverbundenheit, die die Tiroler zur Bergrettung gehen lässt: „Wir sind alle Bergler.“ Wenn man selbst unterwegs sei, wolle man ja auch, dass jemand helfe, wenn man in Not gerate.

Der eingangs erwähnte leichtsinnige Arzt, der sich im freien Gelände im Dunkeln verfahren hat, behandelt heute Unfallopfer. Seine Rettung verdankt er einem kleinen Wunder: Der Pilot des Helikopters, der an jenem Tag Dienst hatte, kam aus der Gegend, in der der Vermisste vermutet wurde.

Er kannte das Gelände genau. Trotz erheblicher Risiken für das Team stimmte er deshalb einem Nachtflug zu — und fand den Mann. „Der hat sich nach seiner Rettung als dumm bezeichnet. Da konnte ich ihm nicht einmal widersprechen“, sagt Erich Ladstätter.