Türkei: Traumaussichten für Langläufer

Beim „Runtalya“ entlang der Küste gibt es für die Läufer eine tolle Landschaftskulisse gratis.

Antalya. Ohne Eiszapfen in Deutschland gibt es keinen Sesamkringel in der Türkei. Jedenfalls gilt das für einen Bayern, der in der Türkei keine halben Sachen erleben will. Es muss schon ein ganzer sein — ein ganzer Marathon und nicht etwa ein halber, wie ihn Ehefrau Heike plant.

Das Ehepaar aus Schwandorf hat laufend etwas vor und an der türkischen Riviera eine schweißtreibende Mission zu erfüllen: Weil Heike und Frank Heilmann selbst im Urlaub keinen Stillstand dulden, wollen sie beim „Runtalya“ Schritt für Schritt nach vorne kommen — ein Wunsch, mit dem sie an der Startlinie, vor dem Antalya Museum, beileibe nicht allein dastehen.

Insgesamt 3100 Läufer aus 40 Nationen wagen sich in diesem Jahr auf die Marathon-, Halbmarathon- und Zehn-Kilometer-Strecke. Sie sind dabei in bester sportlicher Gesellschaft: Immerhin kommen 4500 Gleichgesinnte hinzu — sie starten beim Vier-Kilometer-Volkslauf.

Was routinierte Profis, ambitionierte Hobbyläufer, Neulinge wie Stammläufer eint, ist die Aussicht, geschafft, aber glücklich im Atatürk-Stadion auf die Ziellinie einzubiegen. Auch wenn es am Ende sicherlich nicht immer zur persönlichen Bestzeit reicht, gibt es für jeden Langstrecken-Läufer eine typisch türkische Belohnung: neben der Medaille zum Vorzeigen auch einen leckeren Sesamkringel zum Sofortverzehr.

Doch der Weg dorthin ist alles andere als leicht. Frank Heilmann weiß, dass er ganz schön lang ist. Nicht nur amtlich vermessene 42,195 Kilometer trennen einen Marathonläufer von seinem Ziel. Wenn der Startschuss fällt, ist der innere Schweinehund garantiert schon mehr als ein Mal überwunden worden.

„Das Wintertraining ist hart“, gibt der Bayer zu. Bei Minusgraden, Frost und Eiszapfen hat er sich vorbereitet. Dabei entdeckt der 53-Jährige — der erst seit viereinhalb Jahren regelmäßig läuft, aber schon zum vierten Mal dabei ist — auch gute Seiten an Tempo-, Intervall- und Ausdauerläufen auf bitterkaltem Boden: „Wenn man sich vorgenommen hat, im Frühjahr einen Marathon zu laufen, wird man im Winter nicht faul. Dann weiß man, dass man trainieren muss.“

Zwar gibt es auch am Mittelmeer keine Abkürzung, um das Marathon-Ziel zu erreichen, dafür jedoch die berechtigte Hoffnung auf besseres Laufwetter als in der Heimat: Die mehr als 1000 Teilnehmer, die Anfang März aus Deutschland angereist sind, spekulieren auf einen angenehm-frühlingshaften Start in die Laufsaison.

Doch es ist längst nicht alles nur eitel Sonnenschein. Ausgerechnet beim Marathon-Start regnet es wie aus Kübeln, abgesehen davon ist die Veranstaltung auch noch eine ziemlich windige Angelegenheit. Trotzdem oder gerade deshalb verliert Frank Heilmann sein Ziel nicht aus den Augen. Er läuft und läuft — erst entlang der historischen Altstadt, dann weiter an der Küste in Richtung Hotelzone.

Am Ende ist er mehr als zufrieden, obwohl er sich im Regen zwischenzeitlich gefühlt haben dürfte wie ein begossener Pudel. „Ich wollte eigentlich ,langsam’ laufen, also um die 3:30 Stunden. Dass es jetzt trotz allem 3:19:05 Stunden wurden, motiviert aufs Neue.“

Das unerwartet schlechte Wetter nimmt er mit der Gelassenheit und dem Humor eines bekennenden Lauf-Süchtigen: „Beim ,Runtalya’ weiß man nie, was einen erwartet. Vergangenes Jahr war es die Hitze, in diesem Jahr war es der Wind, der uns zu schaffen machte.“

Auch Ehefrau Heike (47) trägt die Sonne im Herzen und nimmt’s sportlich — als Herausforderung. „Der ,Runtalya’ ist keine leichte Strecke, aber immer wieder schön“, wird sie betonen, nachdem sie die stürmische Zeit überstanden hat.

Bis dahin gilt: Auch wenn ihnen der Wind auf der Wendestrecke ordentlich ins Gesicht bläst, können die Läufer vor allem auf dem Rückweg den Ausblick auf das Taurusgebirge genießen. Das dürfte nicht nur Dennis Pyka beflügelt haben. Der Deutsche Marathonmeister 2010 kommt beim Halbmarathon als Zweiter ins Ziel und ist begeistert: „Klasse — trotz der schwierigen Wetterbedingungen.“

Neben Pyka strahlt auch einer, der überhaupt nicht mitgelaufen ist: Okan Doganaslan, beim Reiseveranstalter Öger Tours der verantwortliche Manager für den „Runtalya“, ist stolz, obwohl er die Laufschuhe gar nicht selbst geschnürt hat. „In einem Land, in dem es neben Fußball eigentlich keine weitere populäre Sportart gibt, freue ich mich riesig über den Teilnehmerrekord.“ Längst hat Öger Tours laufbegeisterte Urlauber als wichtige Zielgruppe erkannt.

Mit 1500 Läufern ist der „Runtalya“ 2006 ins erste Jahr gestartet. Diesmal sind fast 7500 Sportler dabei — zum Großteil aus dem Gastgeberland. Trotzdem ist das Laufen in der Türkei weit davon entfernt, ein Massensport zu werden. Was zählt, sind jedoch auch die kleinen Schritte, wie Heike Heilmann erklärt: „Zum ,Runtalya’ kommen von Jahr zu Jahr mehr Zuschauer. Das ist gut für die Stimmung, die einen Läufer ja auch beflügelt und trägt.“

Auch Binali Çiçek genießt die Atmosphäre beim Lauf am Mittelmeer. Der 77-Jährige hat einen langen Atem, ist von Anfang an dabei und hat selbst nach 2:27:40 Stunden noch so viel Energie, dass er nach dem Zieleinlauf aufgeregt plaudert, als hätte er nicht soeben einen Halbmarathon hinter sich gebracht.

Weshalb der Türke jedes Jahr aus Istanbul anreist? Weil er der beste Beweis dafür ist, dass Sport verbindet und glücklich macht: „Ich laufe seit meinem zwölften Lebensjahr und bin immer gesund.“

So wird der 6. Internationale Öger-Antalya-Marathon in der Tat zu einer bewegenden Begegnung zwischen Sportfreunden aus 40 Nationen, die sich am Ende gemeinsam die Sesamkringel schmecken lassen.

Heike Heilmann und ihr Mann nutzen wie viele andere Deutsche die Laufveranstaltung nicht zuletzt dafür, um im Anschluss noch ein paar erholsame Urlaubstage an der türkischen Riviera zu verbringen. Sie tanken Kraft für neue Herausforderungen: 2012 will das Ehepaar wiederkommen — in der Hoffnung, dass die deutschen Eiszapfen in der Türkei schnell vergessen sind und es beim nächsten „Runtalya“ neben köstlichen Sesamkringeln auch wieder viel, viel Sonnenschein gibt.

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