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Tiefkühl-Pommes in der Südsee

Tiefkühl-Pommes in der Südsee

Mit dem Frachter „Aranui 3“ zu den Marquesas Inseln am anderen Ende der Welt.

Papeete. Im Gitterkasten liegen tiefgekühlte belgische Fritten. Die Kartons dampfen in der Hitze. Der von Glatze bis Fuß tätowierte Führer des Schiffskrans hat den Kasten aus dem Schiffsbauch geangelt und am Anleger abgesetzt. Dort laufen Einheimische mit Zetteln umher — Belege für ihre Bestellungen, die in Containern, Fässern und Säcken warten.

Szenen wie diese spielen sich am Hafen von Atuona auf Hiva Oa und auf den anderen bewohnten Inseln des Marquesa-Archipels alle drei Wochen ab. Ganze Dörfer werden in Aufruhr versetzt, wenn die „Aranui 3“ auftaucht und mit neuer Fracht für Nachschub sorgt an Chicken Wings, Fertigkaffee, Hühnerbouillon, Autoreifen, fässerweise Benzin, Zucker, Mehl, Zement oder Kartoffeln.

Mit der Ware — oft aus Frankreich importiert — schwappt jedes Mal eine kleine Welle an Touristen in die Welt der 10 000 Menschen, die sich auf sechs der 14 Marquesas verteilen. Denn die „Aranui 3“ ist auch ein Kreuzfahrtschiff.

Bis nach Australien sind es rund 6000 Kilometer, und wer mit dem Flugzeug von Europa kommt, muss dafür stattliche 30 Stunden mit etlichen Umstiegen einplanen. 17 Mal im Jahr bricht das Schiff im 1400 Kilometer entfernten Papeete, der Hauptstadt Tahitis, zu 14-tägigen Fahrten auf.

Die maximal 180 Betten sind oft Monate im Voraus ausgebucht. Die Kabinen sind einfach und sauber. An Bord bringen Animateure den Gästen den Hüftschwung bei, und wer möchte, bekommt Ukulele-Stunden.

Auch über Land und Leute können sich die Kreuzfahrtgäste aufklären lassen. Für die Deutschsprachigen gehört seit fünf Jahren der Erfurter Jörg Nitzsche zur Crew. Nie langweilig wird es Gästen wie Christa Stelling aus Düsseldorf, die mit ihrem Lebenspartner Walter Ilien unterwegs ist — auch, weil sie auf andere interessante Kreuzfahrtgäste treffen: „Alles Individualisten hier“, sagt Christa. „Wir würden nie auf ein richtiges Kreuzfahrtschiff gehen.“ So begegnet man Michel Bernert aus dem Elsass, der vor über zehn Jahren schon einmal auf den Marquesas ankam — als Alleinsegler nach vier Monaten auf See.

Oder dem weißhaarigen Hansjürgen van de Loo mit seiner Frau Karin, einem ehemaligen Manager, der schon in Alaska Hochseefischen oder am Baikalsee war. Er sagt mit verschmitztem Blick: „Mallorca heben wir uns fürs Alter auf.“ Überspitzt beschreibt Jörg Nitzsche den typischen „Aranui“-Gast so: „Das sind alles ehemalige Backpacker.“

Wer eine Schiffsreise gemäß dem Südseeklischee von feinen, palmenbewachsenen Sandstränden erwartet, liegt falsch. Die Marquesas sind schroffe Buckel vulkanischen Ursprungs mit vielen Klippen.

Kein Korallenring schützt sie vor dem anbrandenden Ozean, an den Stränden gibt es gefährliche Strömungen. Auch Christa und Walter ist eigentlich erst an Bord klargeworden, dass das Planschen in türkisfarbenem Flachwasser eher eine Ausnahme sein würde.

Ein ziemlich einsames Badevergnügen wartet allerdings auf Ua Pou. Der Inselname bedeutet wörtlich übersetzt „zwei Säulen“ und bezieht sich auf die teils mehr als 1000 Meter steil aufragenden Felsenspitzen, die dem Eiland sein einzigartiges Profil geben.

Eine 16 Kilometer lange Wanderung vom Dorf Hakahau entlang der vergleichsweise kargen Küste führt nach Hakahetau. Eigentlich fahren die Touristen mit der „Aranui 3“ ins Nachbardorf. Doch wer läuft, wird mit der Aussicht auf die türkis schimmernde Hakanai-Bucht entlohnt.

Nach vier Stunden kommen die Wanderer früher als das Schiff in Hakahetau an. Am Anleger bauen Frauen Tische auf. Ihnen bietet sich eine der seltenen Gelegenheiten für den Verkauf von Kunsthandwerk wie Holzschnitzereien oder der Parea genannten Gewandtücher.

Auf einem Basketballfeld nahe des Anlegers tollen die Kinder, bis eines schließlich laut „Aranui“ ruft. Das Schiff taucht in der Ferne auf.

Leben könnten die Marquesaner auch ohne den Tourismus, der auf den Marquesas bis auf wenige Hundert Individualgäste von der „Aranui“ ausgeht, sagt Nitzsche: „Geld ist nicht wichtig. Sie bauen an, was sie brauchen.“

„Und wer Geld für Benzin benötigt, baut Copra an, das einzige Exportgut“, sagt Nitzsche. Copra ist das getrocknete Fleisch der Kokosnuss.

Nicht selten, wenn die „Aranui 3“ vor Anker oder am Kai liegt, sitzen Männer auf Copra-Säcken und warten, dass Mahelo, der Kranführer die Exportware in den Schiffsbauch hebt.

Mit den zahlenden Abenteurern macht sich der Frachter dann wieder auf den Rückweg nach Tahiti.

In drei Wochen wird er wiederkommen — mit neuer Fracht und neuen Gästen.

Und viele, viele Menschen erwarten sie schon sehnsüchtig.