Thailand - zehn Jahre danach: Ein Traumziel mit Erinnerungen

Thailand - zehn Jahre danach: Ein Traumziel mit Erinnerungen

An den Küsten des Indischen Ozeans brachte vor zehn Jahren der verheerende Tsunami Tod und Zerstörung. Heute blüht dort das Leben wieder — doch die Erinnerung bleibt.

Khao Lak. Der 25. Dezember 2004. Ying, oder wie sie mit vollem Namen heißt, Ms. Surassawadee Woraphan, hat Geburtstag. Wie jedes Jahr wird eine große Party am Strand gefeiert. Es gibt Picknick, man schaut aufs Meer und beobachtet die Schildkröten, die an Land kommen und ihre Eier ablegen. Nichts deutet darauf hin, dass am nächsten Tag in dieser Idylle die Welt untergeht.

Der Patong-Strand in Phuket ist wieder belebt. Die Strandbars sind voll und die Massagesalons buhlen um Besucher. Foto: Antonia Kasparek

Am zweiten Weihnachtstag brachen dann die Riesenwellen des Tsunami im Indischen Ozean über Thailand und Indonesien herein. Etwa 8000 Menschen kamen in Thailand um, darunter mehr als 2200 ausländische Touristen. Fast in Echtzeit haben Amateurfilme der Überlebenden die Katastrophe in deutsche Nachrichtensendungen gebracht. Die Zerstörung in Khao Lak und am Patong-Strand weiter südlich auf der Insel Phuket waren damit in aller Welt gegenwärtig — wer hatte damals vorher schon das Wort „Tsunami“ gehört.?

Tsunami-Gedenkstätte in Khao Lak. Das Polizeiboot wurde von den Riesenwellen an Land gespült. Foto: Antonia Kasparek

Zehn Jahre später ist dieses Wort in Thailand nicht mehr so präsent. Die Orte der verheerenden Zerstörung sind wieder blühende Touristenregionen. Die unzähligen Toten, Vermissten, Verletzten — das ist heute kaum mehr vorstellbar. Auch Khao Lak und Patong sind wieder voller Leben. Traumhafte weiße Palmenstrände und alte Tempelanlagen machen die Insel zu einem beliebten Urlaubsziel. Die Strandbars sind voll und die Massagesalons buhlen um Besucher.

Gedenktafel an der Tsunami-Gedenkstätte in Khao Lak. Foto: Antonia Kasparek

Auch die Hotelanlagen in Khao Lak sind wieder aufgebaut. Im ersten Jahr nach dem Tsunami ging die Zahl der Urlauber allerdings um 70 Prozent zurück und rund 120000 Leute verloren ihre Arbeit. „Der neue Touristenboom bringt aber wieder neue Jobs“, sagt Ying. Die 55-Jährige arbeitet seit 14 Jahren als Neckermann Reisen/Thomas Cook Reiseleiterin im Süden von Thailand.

„Der Tsunami hat viele Bungalows weggespült, und an den Stellen sind große Hotelanlagen entstanden“, sagt Ulrich Heuer, Leiter des TUI Krisenstabs. „Thailand als wichtigstes Ziel in Asien hat sich nach der Tsunami-Katastrophe trotz der großen Zerstörung schnell erholt. Insbesondere Khao Lak als Region, die vom Tsunami am stärksten betroffen war, entwickelte sich besser denn je. Heute gibt es hier eine komplett neue Infrastruktur mit wesentlich mehr Hotels und Zimmerkapazität als vor dem Tsunami. Khao Lak hat sich vor allem bei deutschen Urlaubern als beliebtes Ferienziel in Thailand etabliert. Hier und auch auf Phuket sind die Gästezahlen heute deutlich höher als vor dem Tsunami.“

Auch Urs Pöllmann reist mit seiner Frau Nadine und seinen beiden kleinen Töchtern Jeuli und Noemi gern nach Phuket. Die Familie lebt in Jestetten in Baden-Württemberg und macht Urlaub im Sunwing-Hotel Bang Tao Beach. „Die Anlage ist super für Familien geeignet und Thailand ist vor allem bezahlbar. Die 23 Tage kosten für die ganze Familie ohne Flug etwa 1450 Euro“, sagt Pöllmann. Den Tsunami hat er zwar im Hinterkopf, aber er spielt keine Rolle mehr. „Es ist eher unwahrscheinlich, dass so eine Katastrophe bald noch mal passiert.“

Um das auf jeden Fall zu verhindern, wurde im Indischen Ozean ein Tsunami-Frühwarnsystem installiert. Meeresströmungen und Wellenbewegungen werden gemessen und zusammen mit der möglichen Zerstörungskraft eines Bebens unter dem Meeresboden innerhalb von Minuten ausgewertet. Küstenbewohner sollen dann über Sirenen, Lautsprecher und SMS gewarnt werden. Zudem sind Evakuierungsrouten in Phuket und Khao Lak öffentlich mit Schildern ausgewiesen, die allerdings schon recht verblasst sind — genauso wie die Erinnerung an den Tsunami.

Aber ganz ist die Katastrophe doch nicht vergessen: Die Einheimischen feiern heute nach Einbruch der Dunkelheit keine Partys mehr am Strand. „Sie haben Angst vor den Geistern der vielen Toten“, sagt Ying. „Die Thailänder nennen das Meer eine Hexe. Bei Ebbe hat sie das Wasser im Mund und bei Flut kommt es heraus. Wenn sie aber böse ist, dann spukt sie — und vor zehn Jahren war sie sehr böse.“

Mehr von Westdeutsche Zeitung