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Stadt-Golf am Rösti-Graben

Stadt-Golf am Rösti-Graben

Mit einer neuen Aktivität können Besucher die Stadt Fribourg auf ganz besondere Weise kennenlernen.

Seit Jahrhunderten entdecken fromme Pilger auf dem Jakobsweg durch die West-Schweiz die mittelalterliche Stadt Fribourg/Freiburg. Seit nunmehr zehn Jahren erkunden Besucher jeden Alters mit Golfschlägern in der Hand die Metropole. Und entdecken beim Geschicklichkeitsspiel mit dem kleinen Ball die atemberaubend grüne Voralpen-Lage der Festungsstadt mit ihren gotischen Hausfassaden, Klöstern und Kirchen.

Stadt-Golf am Rösti-Graben
Foto: Fribourg Region

„Stadtgolf“ nennt sich die Aktivität, die über einen Parcours von 6,2 Kilometern vorbei an den 18 schönsten Aussichtspunkten und baulichen Highlights der Stadt am Fluss Saane führt. 18 mal fordern ein blauer Abschlag-Punkt und ein rotes Ziel-Loch die Konzentration des Golfers heraus. Am Ende des etwa viereinhalbstündigen Rundwegs wird zusammengezählt, wie beim Minigolf.

Stadt-Golf am Rösti-Graben

Stadtführer Othmar Zumsteg spricht von einem „Glücksfall“. Fribourg, an zwei Kniebögen der Saane gelegen, hat über drei Jahrhunderte allen Versuchungen der Reformatoren widerstanden und bis 1830 keine Protestanten in seinen Mauern geduldet. Im Gegenzug machten reiche Händler einen Bogen um die trutzige Stadt mit ihren Mauern und Türmen. Und das war der Glücksfall: Im 15. Jahrhundert fehlte das Geld, alte Bausubstanz abzureißen und neue Architektur aufzubauen. Fribourg blieb bis heute die Stadt mit den meisten gotischen Gebäuden der Schweiz.

Es gibt zwei Städte namens Freiburg, rund 150 Kilometer voneinander entfernt. Beide sind Gründungen des schwäbischen Fürstengeschlechts der Zähringer. Die eine ist Freiburg im Breisgau. Die andere, Freiburg im Üechtland, mit seiner Sankt-Nikolaus-Kathedrale, einem Bischofssitz, einer Vielzahl von Kirchen, mit sechs noch intakten Klöstern und einer theologischen Uni-Fakultät, ist die katholischste Stadt der Schweiz. Napoleon machte sie zur eidgenössischen Kantons-Hauptstadt mit heute 40 000 Einwohnern, 22 000 Arbeitsplätzen vor allem im Bankenwesen und in der Verwaltung — und nicht zu vergessen mit rund 10 000 Studenten an den zweisprachigen Hochschulen.

Der Saane-Fluss, das muss an dieser Stelle gesagt werden, markiert den sogenannten „Rösti-Graben“. Der bildet die Sprachgrenze zwischen Französisch auf der Stadt-Seite und Berndeutsch („Bärndütsch“) auf der gegenüberliegenden Land-Seite.

Das mehrheitlich Französisch sprechende Fribourg ist eine vitale Großstadt mit der Shopping- und Gastro-Meile Rue de Lausanne, mit ausgezeichneter Küche, aber auch mit schweizerisch-gehobenem Preisniveau. Eine besondere Attraktion ist das Museum mit den maschinenähnlichen, beweglichen Skulpturen von Jean Tinguely und den farbenfrohen, üppig-runden Kunstwerken seiner Frau Niki de Saint Phalle.

Ein Museumsstück, das seit 1899 unverzichtbar für die Freiburger ist, verbindet die Unterstadt mit der Oberstadt. Die Standseilbahn (französisch: funiculaire), von den Einheimischen liebevoll „das Füni“ genannt, überwindet auf einer Strecke von 121 Metern einen Höhenunterschied von 60 Metern. Die Bahn funktioniert nach dem Prinzip „Gegengewicht“: Oben wird an der Gondel ein 3000-Liter-Tank mit Wasser gefüllt, der die Kabine nach unten zieht. Gleichzeitig wird die Gondel in der Unterstadt, wo ihr Wassertank geleert wurde, nach oben gezogen. Ein ökologisch verblüffendes Verfahren: Die Bahn tankt nichts als Abwasser.

In 17 Kilometern Entfernung von Fribourg gibt es noch eine zweite Möglichkeit, mit dem Golfschläger die Umgebung zu erkunden. In Murten sind um den gleichnamigen See herum weitere 18 Golf-Löcher ausgewiesen. Die allerdings verteilen sich auf 35 Kilometern und sind nur mit dem Fahrrad zu erreichen. „Velo-Golf“ nennt sich die Attraktion für Familien, Jugendgruppen und Schulklassen. Niemand drängt die Golfer zur Eile. An eigens dafür eingerichteten „Brätlistellen mit Seeanstoß“ ist auch „das Entfachen von Feuer und Grillieren“ erlaubt.

Es sollte nur ausreichend Zeit übrigbleiben, das mittelalterliche Städtchen Murten, in dem Deutsch gesprochen wird, mit allen Sinnen zu erleben. Pittoreske Gässchen, die gemütliche „Hauptgasse“ mit Laubengängen wie in Meran, eine begehbare Stadtmauer mit einem malerischen Tor, viele individuelle Lädchen sowie eine Klasse-Hotelerie und -Gastronomie belohnen für die sportlichen Anstrengung. Wer nicht den berühmten Murtener Nidelkuchen probiert hat, ein himmlisch leckeres Rahmgebäck, der ist nicht richtig in Murten gewesen.

Hohen himmlischen Besuch bekommen die Stadt und die Region Fribourg/Freiburg jedes Jahr am ersten Samstag im Dezember. Dann erscheint Sankt Nikolaus, der Schutzpatron, höchstpersönlich, begleitet von seinen beiden Gesellen, den „Schmutzlis“, und seinem Esel. Vom Balkon der Kathedrale begrüßt der unter den Studenten demokratisch gewählte Eintages-Bischof mit Mitra und Bischofsstab eine vieltausendköpfige Schar von kleinen und großen Besuchern und gibt ihnen weise Ratschläge für das Miteinander-Leben.

Die Altstadt hat sich zu diesem Stadtfest in ein heimelig beleuchtetes Adventsdorf verwandelt, es gibt Glühwein — und am Abend das traditionelle Fondue moitié-moitié (halb und halb) mit geriebenem Gruyère- und Vacherin-Käse. In den mit Knoblauch balsamierten Fondue-Topf gehört unbedingt Weißwein — am besten von den Weinreben des Vully-Berges am Murtensee.

Der Autor reiste mit Unterstützung der Fribourg Region.