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Rutschpartie in den Rockies

Eine Auto-Tour von Edmonton durch die verschneiten Rocky Mountains: überraschende Metropole und Traum-Landschaft : Rutschpartie in den Rockies

Das Ankommen im kanadischen Winter hat man sich irgendwie anders vorgestellt. Beladen mit Koffern und Taschen und in dicken Winterjacken steht man mitten in einem riesigen Parkhaus unter dem neuen ICE-Distrikt von Edmonton und weiß weder ein noch aus.

Frieren muss hier niemand. Der Betreiber wirbt mit wohligen Temperaturen. So könne man auch im Winter ohne Parka in einen der Bürotürme, ins neue Hotel oder ins Eishockey-Stadion der Edmonton Oilers gelangen. Wenn man denn den Ausweg aus dem unterirdischen Labyrinth findet.

Endlich draußen angekommen wird dann schlagartig klar, warum ein beheiztes Parkhaus im Winter in Edmonton tatsächlich ein Luxus ist. Mit eisiger Gewalt fegt der Nordwind durch die Straßenschluchten des hypermodernen Hochhausviertels und wer kann, der flüchtet sich ins Warme. Ist eine Winterreise in Kanadas Westen, den viele Deutsche sonst vor allem von sommerlichen Wohnmobil-Ferien auf überfüllten Highways kennen, also überhaupt eine gute Idee? Unbedingt, denn die Rocky Mountains präsentieren sich nicht nur Skifahrern, sondern auch anderen Besuchern im Winter viel entspannter als im Sommer – und völlig verändert.

Als guter Startpunkt empfiehlt sich Edmonton, Hauptstadt der Provinz Alberta, aber in Europa noch wesentlich unbekannter als das südlicher gelegene Calgary. Die Fast-Millionen-Stadt lebt gut von Öl und Gas und Technologie-Riesen wie IBM, Telus oder Stantec. Das kann man sehen: In der West Edmonton Mall, der größten des Landes, drehen sich unter Glas rasante Achterbahnen in einem quietschbunten Vergnügungspark. In einem Pool nebenan schwimmen kalifornische Seelöwen vor einem Nachbau von Columbus‘ Segelschiff „Santa Maria“, in einem anderen schaukeln die Edmontonians in zwei Meter hohen Wellen. 200 Millionen Dollar hat man sich den Umbau des Royal Alberta Museums mit seinen riesigen Skeletten eiszeitlicher Mega-Fauna vom Wollmammut bis zum Riesenfaultier kosten lassen.

Draußen führt eine neue gläserne Standseilbahn kostenlos vom City Center hinab ans verschneite Ufer des North Saskatchewan River mit seinen ruhigen Jogging- und Spazierwegen, wo jeden Winter künstliche Eislandschaften mit Höhlen, Rutschen und Eisbar entstehen.

Auch die Küche in der Stadt ist teilweise so ambitioniert, dass der staunende Gast beispielsweise im libanesisch inspirierten Restaurant „Bundok“ einzelne Brokoliröschen oder einen Klecks Kartoffelgratin für 15 Dollar als separaten Gang serviert bekommt.

Wenn es zeitlich passt, sollte man sich ein Heim-Spiel der „Oilers“ rund um den deutschen Ausnahmespieler Leon Draisaitl im Rogers Place auf keinen Fall entgehen lassen. Das ist unvergessliches  Entertainment selbst für Sportmuffel, denn ein Feuerwerk rasanter digitaler Effekte, Bombast-Musik und nationales Pathos bei der Nationalhymne „Oh Canada“ sorgen für Stimmung. Und für Hungrige schweben in der Pause Pizzakartons eines Sponsors an Fallschirmen von der Hallendecke.

Geräumter Highway zum Nationalpark in den Beaver Hills

Dann aber raus in den Winter. Zunächst testweise ostwärts. Ein knappes Stündchen auf dem gut geräumten Yellowhead-Highway 48 entfernt liegt am Rand der großen Prärien der Elk Island Nationalpark in den Beaver Hills. Als erstes Großtierschutzgebiet Kanadas zum Erhalt der Wapiti-Hirsche (Elk) gegründet, ist der Park heute vor allem für seine Zucht der Steppen- und Wald-Bisons bekannt, erfährt man im Informationszentrum am Eingang. Abgesehen von der Serengeti gebe es nirgends mehr grasfressende Säugetiere auf vergleichbarer Fläche. Die Chancen stehen also gut, auf der Parkstraße oder einem der zwölf markierten Wanderwege Tiere zu sehen.

Und tatsächlich stehen sie da: Am Ufer des Lake Astolin wühlen gleich fünf massige Steppenbisons im Tiefschnee nach Gras und Kräutern, das dichte Fell mit aufgewirbeltem Schnee gesprenkelt. Nur das Scharren der Hufen ist zu hören. Und ein Rabe krächzt von einem kahlen Ast.

Der Klassiker im Ausflugsprogramm ist eine geführte Wanderung auf Schneeketten durch die gewundene Karstschlucht des Maligne-Canyons. Eiszapfen in allen Größen hängen von seinen Steilwänden. Windschiefe Lärchen und Dreh-Kiefern am Rand der Schlucht tragen schwer an ihrem Schneekleid. Unter dem nicht immer so dicken Eis gurgelt der kalte Fluss und sorgt für ein wenig Nervenkitzel.

Decken und Thermoskanne sollte man immer dabei haben

Findet man hier oder am tief verschneiten Pyramid-Lake mit seinem grandiosen Bergpanorama ringsum noch den einen oder anderen Ausflügler, so wird es auf dem Icefields Parkway in Richtung Süden zusehends leerer. Decken und Thermoskanne sollte man auf die Fahrt schon mitnehmen und früh aufbrechen, rät die resolute Dame im Touristenbüro neben dem Feuerwehrhaus.

Aber zunächst lugt die Sonne immer wieder hinter hohen Wolken hervor. Die mächtigen Athabasca-Falls sind teilweise gefroren. An vereisten Felswänden versuchen sich angeseilte Eiskletterer. Die weißen Schneeziegen staksen ohne Seil durch die Steilhänge. Besonders eindrucksvoll aber ist die Auffahrt zum Columbia Icefield. Wo sich im Sommer oft hunderte Reisebusse auf den weitläufigen Parkplätzen drängeln, treibt eisiger Sturm die wenigen Besucher schnell wieder in ihre geheizten SUVs. Das Besucherzentrum ist verwaist. Dunkle Wolken rauschen im Minutentakt an der Sonne vorbei. Dann setzt dichtes Schneetreiben an.

Auf dem Rückweg ist ein Räumfahrzeug im Straßengraben gelandet. „Hilfe aus Jasper ist unterwegs“, ruft der Fahrer gelassen aus dem Fenster des Führerhauses. Ja, und mit Allradantrieb werde man es auch ohne Räum-Hilfe die 100 Kilometer zurück nach Jasper schaffen. „Sonst habt ihr ja Decken und Thermoskannen dabei?!“ Als der Sturm weiter unten wieder nachlässt, rieselt der Schnee leise und romantisch wie im Weihnachtslied und taucht den Bergwald in frische Zuckerwatte. Mit Tempo 30 gleitet man hindurch wie durch einen Kindertraum.

Der Autor reiste mit Unterstützung von Edmonton Tourism.