1. Reise
  2. Reise-Berichte

Portugal: Unterwegs mit Vasco da Gama

Das Städtchen Sines in Portugal ehrt den berühmten Seefahrer: eine Begegnung mit seinem Ur-Ur-Enkel in Lissabon. : Portugal: Unterwegs mit Vasco da Gama

Vasco da Gama ist nicht zuhause, die Fensterläden des weiß getünchten Häuschens am Altstadtrand von Sines an der Alentejo-Küste sind geschlossen. Schon vor mehr als 500 Jahren ist er ausgezogen aus dem Gebäude, in dem er einst zur Welt gekommen war.

Er hatte Großes vor, konnte nicht länger bleiben, musste aufbrechen. Die neuen Besitzer pflegen es gut und sind doch nicht oft da. An der Klingel steht kein Name, und aus dem Briefkastenschlitz quillt Werbung hervor. Irgendwer hat im ersten Stock eine Gedenktafel an die Fassade gemörtelt: „Hier wurde Vasco da Gama geboren“, steht darauf, 1468 oder 69 muss das gewesen sein.

In Sines an der portugiesischen Atlantikküste sind sie heute stolz auf den großen Sohn, der einst den Seeweg nach Indien entdeckt hat. Sie haben ihm ein überlebensgroßes Denkmal neben dem Nordturm der Festung errichtet. Es zeigt einen stämmigen Mann mit Vollbart, mit breiten Hüften, gerader Haltung und entschlossenem Blick: Er schaut weg von der Stadt, hinaus auf die Weite des Ozeans, der hinten am Horizont noch genauso mit dem Himmel verschmilzt wie vor über einem halben Jahrtausend.

Nachfahre in direkter Linie
des berühmten Seefahrers

Doch das reicht nicht aus, um einen Mann für Sines einzunehmen, der in Lissabon ein Antiquitätengeschäft führt. Sein Name: Vasco da Gama. Wie der Ur-Ur-Opa, direkter Nachkomme in 17. Generation. Den Enkel zieht es nicht oft in die 13 000-Einwohner-Stadt: „Was soll ich da? Mich persönlich verbindet nichts mehr mit diesem Ort“, sagt Dom Vasco da Gama heute, rückt die dunkle Hornbrille in seinem schmalen Gesicht zurecht, zupft am Sacko, streicht über den hellen Trenchcoat und greift nach seiner Tasse mit dem Kaffee Galão auf dem Tischchen im Café.

Der Mann, Jahrgang 1954, heißt wie sein berühmter seefahrender Vorfahr. Wie die längste Brücke Europas, wie ein Krater auf dem Mond, ein Einkaufszentrum in Lissabon, wie Fußballvereine in Rio, Kapstadt und Goa. Nicht, dass es eine Familientradition wäre, dass der älteste Sohn immer Vasco zu heißen habe. Die Eltern haben es damals einfach so entschieden.

Dom Vasco Xavier Teles da Gama und Graf von Cascais kann seine Abstammung in 17. Generation in direkter Linie auf den Entdecker des Seewegs nach Indien zurückführen. Vorteile bringt es ihm nicht – nicht mal in einer Polizeikontrolle, wenn er Pass und Führerschein zücken muss. Er ist weder prominent noch drängt er sich danach. Er ist zurückhaltend, vornehm, höflich, gebildet, ein bisschen melancholisch. Irgendwie typisch portugiesisch.

Die Familie hat schon lange keinen Bezug mehr zu Sines

Ob Vasco da Gama die Leidenschaften des großen Vorfahren teile? Ob er gerne segeln gehe? Er lächelt. „Ich habe kein Boot. Ich hatte auch nie eines. Die meisten Portugiesen haben keines. Und ich werde sogar schnell seekrank.“ Nicht alles, scheint es, liegt in den Genen. Er geht lieber reiten. „Wissen Sie“, sagt der schmale Mann, „der Ritterorden von Santiago hat meinen Vorfahren damals aus Sines gejagt, er musste nach seinen Entdeckungsreisen nach Vidigueira umsiedeln. Unsere Familie hat keinen Besitz in Sines, keinen Bezug mehr zu dieser Stadt.“

Und als sie dort neulich feierlich die neu gepflasterte Fußgängerzone eingeweiht haben, in deren Oberfläche mit dunkleren Steinen kunstvoll die Silhouetten der breitbauchigen portugiesischen Karavellen-Variante aus dem 15. Jahrhundert eingearbeitet sind, ist er nicht hingefahren.

Dabei ist Dom Vasco stolz auf die Familiengeschichte, hat sogar mal in Los Angeles eine Auszeichnung für seinen Vorfahren entgegengenommen, der für solche Anlässe seit einigen Jahrhunderten verhindert und in der Kirche des Jerónimos-Kloster von Belém begraben ist. Es wirkt seltsam, wenn jemand, der Vasco da Gama heißt, mit der rechten Hand flüchtig auf den riesigen Marmor-Sarkophag dort deutet, dabei „Vasco da Gama!“ murmelt und den Kopf im selben Moment senkt wie ein Dirigent, der allen Applaus seinem Orchester zugedenkt. Anschließend macht er zwei Schritte zurück und weiß nicht so recht, wo er seine Hände lassen soll: ob hinter dem Rücken, neben dem Körper oder gefaltet vor dem Bauch.

Die Frage, ob er jemals einem Fernando Magellan oder einem Christoph Columbus begegnet sei, ist vor dem Hintergrund seines Lebens kein halbgarer Spaß, sondern einer seriösen Auskunft würdig: „Magellan ist auf seiner Seereise gestorben. Meines Wissens hatte er keine direkten Nachkommen. In Spanien soll es Verwandte von Columbus geben, ebenfalls in 17. oder 18. Generation. Es gibt keine Kontakte zwischen uns.“

In Sines hatte bereits die letzte Wirtschaftskrise ihre Spuren hinterlassen. Im Hafen war der Umschlag zwischenzeitlich deutlich zurückgegangen, und am Stadtstrand Praia Vasco da Gama feierten sie bereits in den letzten Sommern nicht mehr so ausgelassen wie früher. Die Fischerboote, die im seichten Wasser dümpeln, warten noch immer auf einen neuen Anstrich, manche Restaurants in der Alstadt sind geschlossen.

Aber auf dem Platz vor der Burg hat einer neue Sonnenschirme aufgestellt, neue Tische und Stühle angeschafft und versucht es nochmal. Sie sind gut besetzt. Aus dem alten Bahnhof haben sie ein schönes kleines Theater gemacht. Regelmäßig kommt jemand und putzt die alten Fliesen an der Fassade. In mehreren Szenen erzählen sie dort quadratmetergroß in Blau auf weißem Grund die Geschichte von der Entdeckung des Seeweges nach Indien. Was sonst.

Viel Sonne, lange Strände
und niedrige Preise

Die Stadt hofft jetzt auf den Tourismus. Der funktioniert auch in der Krise irgendwie. Kein Wunder, angesichts der kilometerlangen Alentejo-Strände knapp außerhalb, kein Wunder angesichts des milden Klimas, der vielen Sonne, der niedrigen Preise.

Ob Dom Vasco selbst mal nach Indien will, nach Cochin wie sein berühmter Vorfahre? Jetzt entfährt es dem stillen, freundlichen Mann in aller Deutlichkeit: „Auf keinen Fall!“ Er macht eine Pause. „Mein Vater war da. Es muss sich angefühlt haben, wie nach Jahrzehnten ins längst an wildfremde Menschen verkaufte Elternhaus zurückzukehren.“ Das tue man doch auch nicht.

Dom Vasco Xavier Teles da Gama ist spezialisiert auf portugiesische Militaria, Wappen und Alltagsgegenstände aus dem 17., 18. und 19. Jahrhundert. Den berühmten Namen ihres Antiquitätenhändlers erfahren die Kunden nur, wenn sie ihn nach dem Einkauf um seine Karte bitten sollten. Ihre Reaktion? „Sie sind dann verblüfft. Manche möchten ein gemeinsames Foto, einer wollte mal ein Autogramm.“ Könnte es seinen Geschäften nicht nützen, auf den Namen zu setzen und offensiver damit umzugehen? Er verzieht ganz kurz das Gesicht. Es soll vermutlich heißen: So etwas tut man nicht.

Am Meer schätzt der Graf den Strand. Zum Spazierengehen. Ansonsten ist sein Blick eher ins Hinterland gewandt, weg von der Küste, weg von Sines, sogar weg von Lissabon: dorthin, wo er es liebt, auszureiten.

Was Sines tun wird, um die Aufmerksamkeit der Familie zu erringen? Nichts. Man ignoriert sich gegenseitig. Es schadet den touristischen Ambitionen nicht, wenn man einander übersieht – und einen trotzdem gewisser Stolz verbindet: auf Vasco da Gama, geboren 1468 oder 69, in Sines an der Küste des Alentejo.