Mutproben in der Grimselwelt

Ein Ausflug der Superlative in der Schweiz: Engste Schlucht, steilste Seilbahn, höchste Hängebrücke.

Mutproben in der Grimselwelt
Foto: Julia Klinkusch

Handeck. Ein vorsichtiger Schritt, dann noch einer. Es schwankt spürbar. Allein, das Ziel des Spaziergangs liegt am anderen Ende der Hängebrücke: die Talstation der Gelmerbahn. Heute ist ein Tag der Mutproben. Wer Höhenangst hat oder wer nicht schwindelfrei ist, sollte sich diesen Teil eines Besuchs in der Grimselwelt sparen.

Mutproben in der Grimselwelt
Foto: Julia Klinkusch

Die Handeckfallbrücke überspannt das Flüsschen Aare in 70 Metern Höhe. Genau an der Stelle, wo sich der Fluss bei einem Sturz in 56 Meter Tiefe mit dem Aerlenbach vereint. Mutige, die beim Gang über die schwankende Brücke in der Mitte stehenbleiben, können einen traumhaften Blick auf diesen Handeckfall genießen. Weniger Mutige konzentrieren sich auf das Ende der 70 Meter langen Brücke und gehen einfach vorwärts. Die Hände immer schön fest in die seitlichen Drahtseile gekrallt.

Mutproben in der Grimselwelt
Foto: Julia Klinkusch

Wer den Blick zur Bergspitze schweifen lässt, stellt fest, dass die Handeckfallbrücke der kleinere Teil der Mutprobe war. Auf einer Schneise im Gestein verlaufen Schienen. Senkrecht den Berg hoch. Dort hinauf fährt die Gelmerbahn. Mit 106 Prozent Steigung ist sie die steilste Standseilbahn Europas. Und nichts für Akrophobiker. Auf Holzbänken, nur mit einem Metallbügel gesichert, sitzen die Passagiere mit dem Blick in Richtung Abgrund.

Ursprünglich im Jahr 1926 als Werkbahn gebaut, befördert die Gelmerbahn seit 2001 Touristen hinauf zum Gelmersee. Die Fahrt dauert rund zehn Minuten. Oben erwartet die Besucher ein tiefblauer Gletschersee, der Ausgangspunkt für im wahrsten Wortsinn aussichtsreiche Wanderungen durch die Schweizer Berge ist.

Wer von hier aus wieder bergab spaziert, landet im Sommerloch. Und damit bei den Kraftwerken der Kraftwerke Oberhasli AG (KWO). Ein Besuch der Anlagen lohnt nicht nur wegen der Möglichkeit, die Unterwelt aus Tunnels, Schächten, Maschinensälen, Turbinen und Generatoren sowie das Innenleben einer Staumauer zu besichtigen. Beim Bau der Stollen entdeckten die Arbeiter in Gerstenegg eine Millionen Jahre alte Kristallkluft. Auch diese ist heute für Besucher des Kraftwerks zu besichtigen — und ein beruhigendes Kontrastprogramm zu den bisherigen Mutproben.

Wer diesen Teil der Schweiz besucht, darf sich die Aareschlucht nicht entgehen lassen — quasi das Eingangstor zur Grimselwelt. Und wer wissen möchte, wie eng die Schlucht an der schmalsten Stelle ist oder was es mit dem Tatzelwurm auf sich hat, sollte die Klamm mit einem Führer durchwandern. Claudia Glatthard stammt ursprünglich aus Berlin, lebt aber seit vielen Jahren im Berner Oberland. Sie kennt die Schlucht wie ihre Westentasche. Und die Legende vom Tatzelwurm auch: „Es soll sich um eine Mischung aus Drache und Schlange handeln.“

Man kann es den Menschen nicht verdenken, dass sie an das Drachenwesen glauben. Die Wildheit der Natur in der Aareschlucht mit ihrem tosenden Wasser gibt ein ideales Szenario für die Legende des Tatzelwurms ab. „1935 erschien ein Foto des Monsters in der Berliner Illustrierten Zeitung, die daraufhin eine hohe Belohnung aussetzte. Das Angebot gilt übrigens bis heute“, erzählt Claudia und schiebt die Überlegung nach, ob sie das Fabelwesen nicht doch für ihre Heimatstadt suchen sollte.

Denn den Tatzelwurm gibt es tatsächlich in der Aareschlucht. Allerdings nur als Holzfigur. Gleich am Eingang erinnert er an die Legende. „Drei weitere Tatzelwürmer sind in der Schlucht versteckt. Unsere kleinen Besucher haben viel Spaß dabei, die Figuren zu suchen.“ Weiter geht es über den schmalen Steg, der sich schwindelerregend hoch über dem tosenden Wasser die Felswände entlang windet.

Auch die Aareschlucht ist nichts für Gäste mit schwachem Gemüt. Aber Claudia beruhigt: „Die Planken der Stege werden jeden Morgen kontrolliert. Ein Mitarbeiter geht immer die komplette Schlucht ab.“ Kurz vor dem Ausgang im Westen des Tals gewinnt die Aare nochmals an Geschwindigkeit. Mit fast zwölf Stundenkilometern schießen die Wassermassen durch die Felsenklamm, die sich hier trichterförmig verengt. Plötzlich bleibt die Schluchtenführerin auf dem Steg stehen und streckt die Arme aus. Zu beiden Seiten kann sie problemlos die Felswände berühren. „Hier ist die schmalste Stelle der Schlucht. Die Felsen reichen bis auf einen Meter aneinander heran.“

Kurz dahinter liegt der Ausgang. Und ein Stück weiter geht es von der Station „Aareschlucht West“ mit der Meiringen-Innertkirchen-Bahn nach Meiringen. Dort begegnet Besuchern ein letztes Mal der Tatzelwurm: In der Konditorei Frutiger gibt es das Fabelwesen aus Schokolade und Biskuit. Gefüllt mit Kirschcreme und Zähnen aus Mandelsplittern. Na dann — guten Appetit.

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