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Münchener Kunsthandwerk: „Betrachten Sie nur die Gesichtszüge“

Münchener Kunsthandwerk: „Betrachten Sie nur die Gesichtszüge“

Krippenbauer präsentieren im Advent ihr Kunsthandwerk.

München. Der Viktualienmarkt - hier schlägt das Herz der bayerischen Hauptstadt. An den Standln trifft man sich bei Leberkäs und Weißbier oder macht seine Besorgungen. Münchens Viktualienmarkt ist Treffpunkt und Einkaufszentrum unter freiem Himmel zugleich. In der Weihnachtszeit steht im Zentrum der Budengassen auch eine mächtige Krippe.

Mit Krippen verbindet man die Isar-Metropole nicht unbedingt. Dabei ist die Stadt ein kleines Mekka für Krippen-Fans. Und deren Zahl scheint beträchtlich gestiegen zu sein, wie die zahlreichen Krippenwege landauf, landab andeuten.

Diesen Trend bestätigt auch Dr. Nina Gockerell, verantwortlich für die Krippenabteilung des Bayerischen Nationalmuseums. "Das könnte mit der weit verbreiteten Sinnsuche in unserer Zeit zu tun haben", vermutet die Wissenschaftlerin. "Die Krippe ist etwas Vertrautes. Sie kann auch Halt und Orientierung geben."

Der Krippenschatz, den Nina Gockerell hütet, ist aber zunächst einmal eine Einladung zum Staunen. Mit Krippen aus Bayern, dem Alpenraum sowie den italienischen Hochburgen Neapel und Sizilien ist die mehr als 100 Krippen umfassende Ausstellung die bedeutendste Sammlung weltweit.

Mehrere Jahrhunderte Krippenbaukunst auf höchstem Niveau, beginnend mit Werken aus dem 17. Jahrhundert, haben im frühen 20. Jahrhundert dank Schenkungen des Münchner Sammlers Max Schmederer ein neues Zuhause gefunden.

Ein Höhepunkt der Ausstellung ist die so genannte Palastkrippe aus Neapel. Die Figuren dieser opulenten Krippe aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts stammen aus dem Besitz des damaligen Königs von Neapel. Das Volk hat diese Meisterwerke so gut wie nie gesehen.

In München gibt es, neben den diversen Weihnachtsmärkten, auch einen eigenen Kripperl-Markt. Am Rindermarkt liegt die Shopping Mall für Krippen-Fans. "Eigentlich ist eine Krippe ja nie fertig, man muss nur genug Fantasie haben", weiß eine verkaufstüchtige Marktbeschickerin.

Wer hier nicht fündig wird, den wird allein das große Angebot überfordert haben: Landschafts- und Stallkrippen, Wurzel- und Bretterkrippen, Krippen mit bayerischen oder mit orientalischen Motiven, alles in Groß und Klein und dazu jede Menge Ausstattungsgegenstände, die bisweilen an Utensilien für einen Kaufladen erinnern.

Wolfgang Gebauer kommt seit vielen Jahren auf den Markt. Stolz zeigt der Holzbildhauer einige seiner eigenen Schnitzarbeiten. Zum Vergleich legt er maschinell gefertigte Figuren daneben. "Betrachten Sie nur die Gesichtszüge", lenkt der Oberbayer den Blick des Betrachters.

Ein individueller Ausdruck lässt sich nur durch Handarbeit erzielen, das ist offensichtlich. Sein Münchner Kollege Georg Wilczek nutzt den Markt, um vor Publikum zu schnitzen. "Ich möchte dieses traditionelle Handwerk wieder etwas populärer machen", erklärt er.

Wer Wilczek bei seiner kraftvollen und zugleich präzisen Handarbeit mit den Eisen zusieht, kann ermessen, wie viel Zeit eine ausdrucksstarke Krippenfigur in Anspruch nimmt. Auch der Verein der Krippenfreunde kämpft für die Aufrechterhaltung der Tradition.

"Wir haben Schnitzer in unseren Reihen, die die Kunst des Krippenbaus lehren", erläutert Vorsitzender Jürgen Hennig. Mit dem Nachwuchs hapere es aber . "Dabei ist es doch faszinierend, für die Geburt Jesu immer neue Bilder zu finden."

Von der großen Stadtkrippe im Innenhof des Rathauses, in deren Figuren sich Orient und Alpenland begegnen, über die aus Isar-Kieseln gefertigte Krippe im Rathaus zum protzenden Barock der Asamkirche und zu den ständig wechselnden Miniaturkrippen in der Theatinerkirche führt der Weg zurück zum Bayerischen Nationalmuseum.

"Aus einer Krippe soll es herausleuchten", formuliert Nina Gockerell. Der umgebende Raum des Museums ist nahezu unbeleuchtet. Auf diese Weise ziehen die Inszenierungen Besucher magisch an. "Die Krippe und das Theater haben eben viel gemein", so die Leiterin der Ausstellung.

Fasziniert steht der Betrachter vor der fiktiven Stadtkulisse Jerusalems, durch die die Heiligen Drei Könige reiten, sieht sich mit Fabelwesen und exotischen Pflanzen konfrontiert oder entdeckt den Vesuv als Kulisse einer Anbetung der Hirten.

Sein Motiv erinnert daran, dass man in Neapel Krippen auf Hausdächern - sozusagen vor einem authentischen Bühnenbild - aufbaute, "was wir nicht zuletzt durch die Aufzeichnungen des weit gereisten Goethe wissen", erläutert Nina Gockerell.