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Kulturhauptstadt 2010: Maloche, Currywurst und ganz viel Leben

Kulturhauptstadt 2010: Maloche, Currywurst und ganz viel Leben

Die Reiseveranstalter haben den ehemaligen Kohlenpott als unnachahmliche „Event-Zone“ entdeckt.

Düsseldorf. Schon bevor Bundespräsident Köhler am 9. Januar an der Essener Welterbe-Zeche Zollverein das Festjahr für die Kulturhauptstadt Europas eröffnet und Herbert Grönemeyer seine neue Ruhr-Hymne schmettert, sind die positiven Vorzeichen von "Ruhr 2010" greifbar.

Alle Reiseveranstalter von Rang haben Sonderreisen in den früheren Kohlenpott aufgelegt. Jetzt locken nicht mehr allein die Musicals in Bochum, Essen und Oberhausen, jetzt führen echte Studienreisen zu den berüchtigten Dreckschleudern von einst, die sich zu Denkmälern voller Events und Kultur gemausert haben.

Lange versteckte das Ruhrgebiet seine industrielle Vergangenheit und verkaufte sich als "die grüne Lunge". Inzwischen bekennt man sich erfolgreich zur Vergangenheit aus Maloche, Schweiß und Ruß. Und zu dem herzlichen Menschenschlag des Reviers.

"Landschaftspark Duisburg-Nord" heißt der gigantische Schrotthaufen, der einmal ein Hüttenwerk war. Tag und Nacht und ohne Eintrittsgeld darf man heute durch die 1985 stillgelegten Hochöfen stiefeln. Inzwischen ist das Hüttenwerk nach dem Kölner Dom die meistbesuchte Sehenswürdigkeit in NRW.

Was selbst die Fachleute verblüfft: Besonders viele junge Leute spazieren, nachts mit Fackeln in der Hand, durch das Eisengewirr. Die Jungen kommen, wie man heute weiß, um eine Ahnung davon zu bekommen, was Papa und Opa über die Ära von Kohle und Stahl erzählten. Ehemalige Hüttenmänner berichten den Besuchern. Nirgends wird der Spruch "Wandel durch Kultur - Kultur durch Wandel" lebendiger greifbar.

In Hochofen1 findet im Sommer Kino statt, im Dampfgebläsehaus packt ein Theater heiße Eisen an. Im Hauptschalthaus wird getafelt, im ehemaligen Erzbunker übt der Alpenverein, im Gasometer trainieren die Taucher. "Vom Eisenkochtopf zum Erlebnispark" heißt einer der flotten Sprüche, die man an der Ruhr so liebt.

Apropos Gasometer: Der 117-Meter-Gigant in Oberhausen beherbergt Ausstellungen (derzeit "Sternstunden" der Sonnensysteme). Ein Aufzug hievt aufs Dach. Da begreift jeder, dass die Entscheidung, erstmals eine ganze Region zur Kulturhauptstadt Europas zu machen, goldrichtig war.

Die Ruhr besteht auf dem kommunalpolitischen Atlas zwar aus 53 Städten (mit 5,3 Millionen Menschen), aber die Draufsicht vom Gasometer-Dach belegt: Das Ruhr-Revier ist tatsächlich eine einzige große Stadt. Jetzt muss nur noch in den Köpfen zusammenwachsen, was zusammengehört. Gemeinsam handeln statt Kirchturmdenken. Vielleicht wirkt die Kulturhauptstadt als Metropolen-Macher.

Was man für vergleichsweise spärliche 60 Millionen Euro auf die Beine gestellt hat, kann sich sehen lassen. Hier eine kleine Auswahl:

9. Januar: In der ehemaligen Kohlenwäsche von Zeche Zollverein wird das neue Ruhr-Museum eröffnet, das dem Revier eine neue Identität geben soll.

30. Januar: Das neue Folkwang-Museum inszeniert die von den Nazis verbannte "entartete Kunst".

28. März bis 7. Mai: Biennale für internationale Lichtkunst.

28. April: Die WDR-Bigband intoniert auf Zollverein Bergmannslieder.

22. bis 30. Mai: "Schachtzeichen" - mehr als 100 riesige Ballons markieren die Stellen, an denen einst Zechen gefördert haben. 1950 arbeiteten an der Ruhr 500 000 Kumpel in 150Zechen.

5. Juni: Sing-Tag. Karaoke-Busse und ein singender Schiffskorso auf dem Rhein-Herne-Kanal. In der Arena auf Schalke schmettert der größte mehrstimmige Chor der deutschen Musikgeschichte aus 6500 Kehlen.

18.Juni: "Still-Leben" - der Ruhrschnellweg wird auf 40 autofreien Kilometern Länge Kultur- und Flaniermeile.

19.Juni: "Extraschicht", das große Sommerfest.

25./26.September: Zechenfest auf Zollverein. Man trifft sich im Casino, in der früheren Kompressorenhalle. Da gibt es nicht nur die berühmte Currywurst.

Der TV-Tatort "Klassentreffen" am Sonntag, 10.Januar, spielt vor Ort: Die Kölner Kommissare Ballauf und Schenk quittieren die hinreißenden Locations an der Ruhr bei den Dreharbeiten mehrfach mit Ruhr-typischem "Booah-ey".