Kuba Kuba mit Tiefgang

Die Annäherung an die USA heizt das Reisefieber auf Kuba weiter an. Seit diesem Frühjahr nehmen erstmals auch die großen amerikanischen Reedereien Kurs auf Havanna.

Jorge González Arocha hält eine Vorlesung über Rum. Doch diesmal steht der Geschichtsprofessor nicht wie üblich im Hörsaal der Universität von Havanna, sondern in der Muses Lounge auf Deck 7 der Celestyal Crystal. Seine Zuhörer sind keine Studenten, sondern Kreuzfahrt-Passagiere, die mehr über ihr Reiseziel lernen wollen. „Die gesamte Geschichte Kubas lässt sich am Rum aufzeigen — von Zuckerrohranbau und Sklaverei bis zur Revolution“, erklärt er. Am nächsten Tag wird er über Musik sprechen, dann über Tabak und Kaffee — eben alles, was Kuba ausmacht.

So wissen die Schiffsgäste ein bisschen mehr als die anderen Touristen, die am Morgen an der Zigarren-, Kaffee- und Rumverkostung auf dem quirligen Kunsthandwerkermarkt von Havanna teilnehmen. Auch in Hemingways Lieblingskneipe „El Floridita“ drängen sich Urlauber an der Bar, um schnell einen Daiquiri und ein Foto mit dem berühmten Schriftsteller zu erhaschen, der in Bronze gegossen lässig am Tresen lehnt. In der Bodeguita del Medio, wo der Mojito erfunden worden sein soll, ist es so voll, dass nur Besucher mit ausziehbaren Selfie-Sticks eine Chance auf Fotos haben. Doch halb so schlimm, denn am Nachmittag gibt der Barkeeper an Bord der Celestyal Crystal interessierten Gästen einen Crash-Kurs im Mixen kubanischer Cocktails.

Kuba: Kuba mit Tiefgang
Foto: Pia Hoffmann

Abends stehen landestypische Gerichte auf der Bord-Speisekarte. „Der Chefkoch empfiehlt Ropa Vieja“, weiß Schiffskellner Raúl und, weil er bei gerade mal 960 Passagieren nur wenige Tische zu bedienen hat, nimmt er sich Zeit für Erklärungen. „Das Rindfleisch wird in kreolischer Soße so lange geschmort bis es auseinanderfällt“.

Das Schiff von Celestyal Cruises ist klein genug, um in allen kubanischen Häfen mitten in der Stadt anzulegen, so dass Passagiere auch zu Fuß auf Entdeckungstour gehen können. Kolonialbauten in Pastelltönen, bunte alte Chevrolets, grell gekleidete Frauen mit Blumenkörben und afrikanischen Turbanen, farbenfrohe Marktstände mit Büchern über die Revolution — der erste Eindruck von Havanna ist authentisch und touristisch zugleich.

Wer sich im Ausflugsbüro des Schiffes einem ortskundigen Stadtführer angeschlossen oder eine Rundfahrt mit einem der berühmten Oldtimer gebucht hat, kann ein wenig hinter die Kulissen blicken. Ausgebleichte Wäsche, die auf bröckelnden Balkons im Wind flattert, lässt nur erahnen, wie das Leben der Menschen hinter den verfallenen Fassaden der ehemaligen Prunkbauten aussieht. „Es ist hart“, bestätigt die Einheimische Honey Pereira. „Grundnahrungsmittel bekommen wir nur mit Lebensmittelmarken. Milch gibt es gar nicht. Aber wir sind trotzdem immer fröhlich.“

Die Fröhlichkeit steckt an. Nach mehreren Tagen Kuba ist ein Zwischenstopp in Jamaika fast ein kleiner Kulturschock. Statt Lebensfreude, Musik und Tanz gibt es plötzlich wieder Kommerz, Kriminalität und Drogen. Dass sich auch Kuba durch den Tourismusboom verändern wird, steht außer Frage. Schon jetzt sind Hotelzimmer belegt, Bars überfüllt und Mietwagen lange im Voraus ausgebucht.

Martha Lahence, Tanzlehrerin

Als 2016 das erste amerikanische Kreuzfahrtschiff in der Hauptstadt des ehemaligen Erzfeindes anlegte, war das eine Sensation. In diesem Frühjahr zogen die anderen großen Reedereien nach. Noch ist die Infrastruktur der Karibikinsel aber nicht auf mehrere tausend Tagesgäste ausgelegt. Vor allem im Hinterland taugen die holprigen Straßen eher für Eselskarren und Motorräder als für Reisebusse. Daher bietet sich eine Inselerkundung mit dem Schiff an. Man sollte aber bei der Buchung einer Kuba-Kreuzfahrt genau hinschauen. Oft handelt es sich um Karibik-Kreuzfahrten mit nur einem Stopp in Havanna. Denn die meisten Schiffe sind zu groß, um die kleineren Häfen anzufahren.

Die Celestyal Crystal ist das einzige Schiff, das die Insel ganzjährig umrundet und dabei auch weniger touristische Ziele anläuft, wie etwa Cienfuegos, die sechstgrößte Stadt Kubas. Von dort aus werden Ausflüge ins Unesco-Weltkulturerbe-Städtchen Trinidad angeboten, wo Bauern noch mit Pferdewagen über Kopfsteinpflaster holpern, Frauen selbstgenähte Spitzendeckchen verkaufen und Männer aus kleinen Tongefäßen Canchánchara trinken, ein Schnaps-Gemisch, das wie Zahnpasta mit Honig schmeckt.

Auch in der Kulturhauptstadt Santiago de Cuba wird angedockt. Dort liegt die neueste Touristenattraktion Kubas: das Grab von Fidel Castro auf dem Santa Ifigenia Friedhof. Schon nach wenigen Monaten ist der runde Stein mit der bescheidenen Aufschrift „Fidel“ zur Pilgerstätte geworden.

Nicht weit davon entfernt ruhen die Rumproduzenten-Familie Bacardi und der Gitarrist Compay Segundo vom Buena Vista Social Club. In Santiago de Cuba, wo einst die Revolution begann, spielen Musiker an jeder Straßenecke. „Kuba ist Musik“, erklärt die Einheimische Martha Lahence. „Unsere Sprache ist wie Gesang; unser Gang ist wie ein Tanz. Das liegt uns einfach im Blut. Tanzen ist Entspannung, Freude aber auch Flucht.“

Als Tanzlehrerin an Bord der Celestyal Crystal versucht sie, den Passagieren dieses Lebensgefühl zu vermitteln. Bei Salsa, Mambo, Rumba, Cha-Cha-Cha und Pilón, einem kubanischen Tanz, der aus dem rhythmischen Hüftschwung der Frauen beim Mahlen der Kaffeebohnen entstand. „Bewegt Eure Körper“, ruft die Kubanerin den Schiffsgästen auf dem Pooldeck zu. „Mehr braucht man nicht zum Glücklichsein!“

Auch bei den Shows am Abend dreht sich auf der Crystal alles um kubanische Lebensfreude, Tanz und die Revolution. Auch wenn das kleine Schiff nur einen Tiefgang von 6,10 Meter hat — die Erlebnisse an Bord und an Land gehen wesentlich tiefer.

Die Autorin reiste mit Unterstützung von Celestyal Cruises.