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Israels Süden — wo die Wüste lebt

Israels Süden — wo die Wüste lebt

Die Negev ist keineswegs eine leere, unwirtliche Region. Dort gibt es viel zu entdecken, und es wächst sogar Wein.

Abermillionen Zugvögel haben auf ihrer jährlichen Hin- und Rückreise vom kalten Norden Europas und Asiens ins warme Südafrika Eilat am Roten Meer auf dem Flugplan. Israels südlichster Punkt ist sozusagen ihre Tankstelle vor oder nach der Sahara: Sie finden Wasser und Nahrung in warmem Klima, futtern sich wieder Muskelkraft an und müssen auf ihrer langen Reise nicht über unwirtliche Ozeane fliegen.

Längst haben auch die Menschen im besagten Norden den besonderen Reiz von Israels Südhälfte entdeckt: Sommer das ganze Jahr über. Wenn bei uns Winter herrscht, sinkt das Thermometer am und im Roten Meer niemals unter die 20-Grad-Marke. Das Klima ist angenehm trocken, Regen fällt im ganzen Jahr in maximal sechs Nächten. Und vor allem: Die Israelis beobachten natürlich genau, dass typische warme Winter-Destinationen wie Ägypten, Nordafrika und die Türkei derzeit an Zuspruch verlieren.

Deshalb helfen die Israelis nach. Das Touristikministerium zahlt den Fluggesellschaften für jeden Passagier, den sie in die Südhälfte des Landes bringen, 45 Euro Zuschuss. Die Stadt Eilat, 50 000 Einwohner groß, 50 Hotels mit insgesamt 12 000 Zimmern, legt weitere 15 Euro drauf — und der Einkauf in Eilat ist frei von Steuern. Im Frühsommer 2018 soll der nagelneue Flughafen Ramon International in Betrieb gehen. Von dort ist man nach 20 Kilometern Transfer mitten in der City.

Shahar Shilo ist Tourismus-Direktor für die Negev Highlands, die in unserer deutschen Sprache mit Wüste übersetzt werden. Der Sprachwissenschaftler macht deutlich: „In Europa bedeutet Wüste so viel wie unbewohnbares Land. Sozusagen die Hölle.“ Im arabisch-babylonisch-persischen Sprachraum hingegen ist das eine Gegend, „wo du deine Herde zum Grasen hinbringst.“ Deshalb trägt sein Tourismus-Konzept die Überschrift „Die freundliche Wüste.“

Das touristische Angebot für die gebirgige, karge Südhälfte Israels ist in der Tat vielseitig. Eilat hat — in Sichtweite zum jordanischen Akaba — zehn Kilometer Sandstrand, an dem es familiär zugeht. Und an dem es viel zu sehen gibt: ein Unterwasser-Observatorium, einen Meerespark mit Aqua-Zoo-Tieren wie Haien, Rochen, Riesen-Schildkröten und qietschbunten Fisch-Exoten. In einem eigens abgetrennten Strand-Abschnitt kann man mit Schnorchel oder Tauchgerät hautnahen Kontakt mit neugierigen Delfinen aufnehmen. Die leben nicht in Gefangenschaft, sondern frei im Roten Meer. Aber sie kommen immer wieder dahin zurück, wo sie als Babys geboren werden und ihre Betreuer und Futter-Beschaffer persönlich kennen.

In der Wüste, die also nach israelischer Definition keine ist, ist die Auswahl an Aktivitäten groß. Man kann auf eigene Faus wandern oder mountain-biken, kann sich Gruppen anschließen, die eine ganze Woche von Lager zu Lager ziehen, kann kurze und mehrtägige Ausritte zu Pferd, zu Kamel oder im Jeep unternehmen. Alle Wege sind markiert, es gibt Wander-Apps fürs Smartphone und an jeder Anhöhe W-LAN, über das man Hilfe einholen kann.

Ein besonderes Highlight ist der Ausflug in einer Kamel-Karawane. Den sollte man allerdings nicht unterschätzen: Wer nicht regelmäßig seine Sitzposition auf dem Sattel des schwankenden Wüstenschiffs wechselt, wacht am nächsten Tag mit Muskelkater auf.

Wer Interesse an Geologie hat, bekommt Eindrücke, die vielfältiger kaum sein können. Die gesamte Negev war vor Jahrmillionen Meeresboden, auf dem sich Krater aufgetürmt und Sedimente abgesetzt haben. Fachkundige Guides kennen die abenteuerlichsten bunt-braunen Stellen — auch die, an denen schon vor dreitausend Jahren Kupfer abgebaut und geschmolzen wurde. Man muss es selbst probiert haben, sonst mag man es kaum glauben: In der Negev wächst sogar Wein. Was vor 2000 Jahren schon das Nomadenvolk der Nabatäer wusste, setzen heute drei Winzer auf 400 Hektar Rebenfläche um: sparsame Befeuchtung mit Wasser aus Zisternen und wieder aufbereitetem gebrauchtem Wasser. Heraus kommen, nach ein bis zwei Jahren Ruhe im Fass, sehr ordentliche Merlot- und Cabernet Sauvignon-Weine mit einzigartigem Aroma. Ohne chemische Hilfe. Und nebenan gedeihen auch noch saftige Oliven.

Israel — das sind zweifellos vor allem die historischen Orte im Norden. Die Metropolen Jerusalem und Tel Aviv, die heiligen Stätten des Judentums und der Christenheit, aber auch des Islam. In zwei Stunden ist man von Eilat am Toten Meer und der antiken römischen Felsenfestung Masada. In weiteren zwei Stunden hat man Tel Aviv erreicht. „40 Prozent aller Touristen, die beim ersten Besuch im Norden waren, kommen zurück nach Israel. Diesmal in den Süden“, schildert der lizenzierte deutschsprachige Reiseleiter Danny Tamuz. „Als nächstes Großprojekt bauen wir eine Eisenbahn-Anbindung Eilats an den Norden.“

Bleibt die Frage nach der Sicherheit in Israel. Vor dem jeweiligen Abflug sollte man zwei Stunden Kontrollzeit einplanen — das Gepäck wird durchleuchtet, Passagier für Passagier deutlich unter die Lupe genommen. Es geht ernsthaft zur Sache, aber keinesfalls schikanös. Das gilt auch für Hotels, für Einkaufszentren und den Zugang zu anderen Plätzen, die von vielen Menschen frequentiert werden. Man fühlt sich in der Negev-Region uneingeschränkt sicher. Die Israelis wissen, wie sie sich und ihre Gästen schützen können.

Der Autor reiste mit Unterstützung des staatlichen israelischen Verkehrsbüros.