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In den höchsten Bergen der Welt

In den höchsten Bergen der Welt

Reißende Flüsse, Dschungel und gastfreundliche Menschen. Eine Trekking-Tour zwischen Achttausendern.

Kathmandu. Am nachtschwarzen Himmel glänzt ein Meer aus Sternen, als Huku und ich um fünf Uhr früh unser Guesthouse in Ghorepani verlassen.

Wir wollen hinauf zum Poon Hill auf 3193 Metern Höhe, einem der Höhepunkte unserer Trekking-Tour durch das Annapurna-Gebirge im Himalaya, der größten Gebirgskette der Erde.

Auf dem schmalen Pfad, der sich hinter unserer Lodge den Berg hinauf windet, ist bereits Betrieb. Mit Stirnlampen ziehen zahlreiche Trekker zum Aussichtspunkt. Gemeinsam bilden sie eine lange Lichterkette, die sich langsam ihren Weg durch die Nacht bahnt. Nach einer halben Stunde erreichen wir den Gipfel. Noch versteckt sich die Sonne hinter den Bergen.

Es ist ganz schön frisch. Wir wärmen uns an einem heißen Milchkaffee, den geschäftstüchtige Nepalesen in schweren Metallbehältern auf den Aussichtspunkt geschleppt haben. Von hier oben haben wir einen unglaublichen Blick auf einige der höchsten Berge der Welt — den Daulaghiri I (8167 Meter) und den Annapurna I (8091 Meter). Sie wirken noch majestätischer, als sich gegen sechs Uhr langsam die Sonne hinter ihnen hervorschiebt und die Gipfel in ein orange-goldenes Licht taucht.

Überall klicken die Kameras. Für viele ist Poon Hill bereits der Höhepunkt ihrer Reise. Für Huku und mich hat die Tour erst begonnen.

Zwei Tage zuvor sind wir aufgebrochen. Unser Vorhaben: In zehn Tagen zum Annapurna Basecamp auf 4130 Metern und zurück.

Es ist März und perfektes Wanderwetter, als wir in Naya Pul auf 1250 Metern starten. Huku hatte ich zuvor in Nepals Hauptstadt Kathmandu als Bergführer engagiert. Ein Glücksfall: Wir verstehen uns prächtig und er hat viel zu erzählen — von den Bergen und über das Leben in Nepal.

Die Landschaft ändert sich täglich. Wir steigen dicht bewaldete Täler empor, wandern durch blühende Rhododendron-, Eichen- und Bambuswälder, kämpfen uns steile Steintreppen hinauf, mühen uns durch Dschungel, passieren grüne Getreideterrassen. Wir beobachten Bauern, die mit Ochse und Pflug die Felder bestellen, überqueren reißende Flüsse auf wankenden Hängebrücken und stapfen durch tiefen Schnee. Immer vor einer atemberaubenden Bergkulisse.

Mit jedem Tag wandern wir tiefer hinein in das Herz des Annapurna-Massivs. Gastfreundschaft, gutes Essen, nette Gespräche am warmen Holzofen und ein Bett für die Nacht finden wir jeden Abend in einer der vielen bewirtschafteten Lodges.

Sechs Tage später erreichen wir das Basecamp. Auf dem Weg dorthin ist der Nebel so dicht, dass man den Vordermann nur bis auf eine Entfernung von rund 50 Metern sehen kann. Das Camp erkennen wir erst, als wir direkt davor stehen. Wenig später färbt die hereinbrechende Nacht das Grau in tiefes Schwarz.

Nach einem unruhigen Schlaf in der dünnen Luft stehe ich gegen sechs Uhr morgens auf und trete vor die Lodge. Überall liegt meterhoch der Schnee, kein Wölkchen verdeckt den zartblau schimmernden Himmel.

Ich marschiere zwischen den Unterkünften hindurch auf eine Anhöhe und sehe zum ersten Mal, was der Nebel tags zuvor verschluckt hat: Wie in einem Kessel türmen sich rund um das Camp herum die Sechs- bis Achttausender auf. Sie sind zum Greifen nah.

Doch viel Zeit bleibt nicht, um das Bergpanorama zu genießen. Huku will noch am Vormittag wieder absteigen, bevor die Sonne den Schnee zu sehr erwärmt und die Lawinengefahr zu groß wird.

Wir packen unsere Rucksäcke, frühstücken Pfannkuchen und Milchkaffee und machen uns auf den Rückweg. Zwischen den Bergen wandern wir hindurch in einer glitzernden Schneelandschaft. Eineinhalb Tagesmärsche später erreichen wir das Örtchen Jhinu Danda.

Zum Abschluss unserer Tour wollen wir uns mit einem heißen Bad belohnen. Wir quartieren uns ein letztes Mal in einer Lodge ein und steigen hinab zu den Thermalquellen, die direkt neben dem Flussbett des Mhodi Kola sprudelnd heiß an die Oberfläche treten.

Huku und ich setzen uns in ein Natursteinbecken und lehnen uns zurück. Zeit, das Erlebte sacken zu lassen — und voller Begeisterung schon die nächste Tour zu planen.