Kurz vor dem Winter in Schwedisch Lappland sind die Wälder in ein spektakuläres Farbenkleid getaucht : Farbenrausch im Fjell

Thomas Dahlquist ist zufrieden. Die Sonne strahlt im flachen Winkel über den Lule älv. Im Fichtenwald am Ufer sind die Moskitoschwärme tellergroßen Pilzen und Teppichen von Blåbär gewichen, den schwedischen Heidelbeeren.

„Der Herbst ist eine Zeit des Überflusses“, sagt Dahlquist, der IT-Manager, der vor sechs Jahren aus der Großstadt zurück auf das Land seiner Schwiegereltern in Schwedisch Lappland gezogen ist. Vor allem aber habe der junge Elchbulle Zebbe ein liebevolles Auge auf die dreijährige Zaaga geworfen. „Wenn wir Glück haben, gibt es im Frühjahr Nachwuchs.

Bei Dahlquists zuhause kann man Elchen so nahe kommen wie nur selten. Neugierig streckt das junge Elchpaar seine Köpfe durch die Latten eines massiven Holzverschlags, in dem die Besucher mit einem Eimer voller Äpfel, Mohrrüben und Bananen warten. Wer mag, der kann Zebbe sogar ein Küsschen geben, denn noch ist er nicht wirklich in Paarungslaune. „Dann würde ich ihm lieber nicht zu nahe kommen“, rät Dahlquist. Statt die 50 Hektar Waldland seiner Schwiegereltern wie ursprünglich geplant zur Wildschweinzucht und -jagd zu nutzen, hat der Schwede mit dem Aufbau eines Tierparks vor den Toren von Luleå begonnen, der Hauptstadt der Provinz Norrbotten.

Sven, der reinweiße Rentiermann, vergnügt sich dort inzwischen mit einer Schaar von sieben Damen. Eine Herde Mufflons aus dem Mittelmeerraum hält das Gras knapp. Und vier Elche gibt es auch. Mehr braucht man gar nicht, um Städter glücklich zu machen. „Viele Besucher stehen nach den ersten Fotos minutenlang da und schauen einfach den Tieren zu. Das entschleunigt ungemein“, sagt Dahlquist. Nur seine Söhne hätten keine Lust auf Wildnis. „Die quengeln immer, wir sollten mal in wieder in die Stadt fahren“, sagt er lachend.

Wer Entschleunigung sucht, der ist im Herbst in Schwedisch Lappland gerade richtig. Die kurze Zeit zwischen Sommer und Winter ist besonders ruhig und wird bislang nicht beworben. Dabei bietet sie ein Naturschauspiel ersten Ranges, das in Europa seinesgleichen sucht. Ruska nennen Schweden die Zeit, wenn sich die Birkenwälder leuchtend gelb und die Beerensträucher am Boden scharlachrot färben. Ein Fest für Fotografen.

Vor allem auf längeren Wanderungen kann man in diesen Wochen regelrecht Ruhe tanken. Bei Jokkmokk nordöstlich von Luleå und knapp oberhalb des Polarkreises führt eine Stichstraße von der Nationalstraße 45 in den Muddus-Nationalpark. Ganz am Ende beginnt ein einzelner Wanderweg in eine ansonsten unerschlossene Wildnis auf 500 Quadratkilometern hinein. Über Stock und Stein und Plankenwege schlängelt sich der Pfad unter Wald-Kiefern und Zwergbirken hindurch hinein ins Moor. Erst nach fünf Kilometern gibt der Wald den Blick frei auf die 100 Meter tiefe Moskoskoru-Schlucht. Im Licht der Nachmittagssonne erstrahlt sie in Dutzenden Gelb- und Grüntönen. Und noch zwei Kilometer weiter stürzt der Luleå-Fluss über den Muddus-Fall hinein. Zu spät am Tag sollte man hier allerdings nicht unterwegs sein. Im Unterholz leben wieder Braunbären und Luchse.

Farbenpracht herrscht auch an den Ufern der großen Stauseen im Nationalpark Stora Sjöfallet. Der namensgebende Wasserfall ist aber schon vor 100 Jahren zugunsten der Wasserkraft teils unter dem Wasserspiegel verschwunden und außerdem erst nach einer anstrengenden Kletterpartie zu erreichen. Dafür lockt mit dem Naturuum ein vorbildliches Naturparkzentrum in einem hölzernen Rundbau direkt am Ufer.

Wer es etwas abenteuerlicher mag, der nimmt von der Bergwerksstadt Kiruna mit der größten Eisenerzmine der Welt die 1971 eröffnete Stichstraße ins Samendorf Nikkaluokta. Nils Olsson Sami, ein Rentierzüchter aus Norwegen hat es 1910 gegründet und ist als Bergführer in den nächsten Jahrzehnten berühmt geworden. Seine Nachkommen haben in „Nils‘ Bucht“ ein gemütliches Resort mit Holzhütten und Restaurant aufgebaut.

Der Ort ist schließlich Durchgangsstation zu Schwedens höchstem Gipfel Kebnekaise (2097 Meter). Der „Kesselkamm“ – so die Übersetzung – ist ein Sehnsuchtsort vieler Schweden und aller Freunde des kleinen Nils Holgersson. Schließlich trug die Leitgans Akka von Kebnekaise seinen Namen. Knapp 20 Kilometer windet sich ein gut markierter Weg um den Aussichtsgipfel Kåge und am glasklaren See Ladtjojaure entlang ins Fjell hinauf. Nach einer Biegung kommt bereits das Kebnekaise-Massiv in Sicht. Aber bis zur gut ausgestatteten Berghütte des traditionsreichen schwedischen Wanderclubs STF (Svenska Turistföreningen) am Fuß des Gipfels sind es dann doch noch einige Stunden Weg über wackelige Stahlbrücken und schmale Bohlenwege.

Für die zusätzlichen 1800 Höhenmeter bis zum Gipfel braucht man einen Extra-Tag. Aber das wechselhafte Herbstwetter ist dafür suboptimal. Lieber lässt man sich vom Helikopter wieder abholen und in sechs Minuten zurück nach Nikkaluokta fliegen und unternimmt über Kiruna einen letzten Abstecher in den Abisko-Nationalpark nahe der norwegischen Grenze. Dort fährt ein Sessellift des Wanderclubs in nur 15 Minuten hinauf auf einen Aussichtsgipfel mit Café – und vom Herbst in den Winter. Erster Schnee liegt bereits auf den Felsen und für die Fahrt in die Kälte sollte man die angebotene Wolldecke nicht ausschlagen.

Wie die Menschen in der Weite der Nordkalotte in früheren Zeiten den weiten Wegen und widrigen Witterungen trotzten, zeigt zurück in Luleå Sandra Rönnblom in Gammelstad, der Keimzelle ein paar Kilometer nördlich der heutigen 80 000-Einwohner-Stadt. 400 rot gestrichene Holzhütten reihen sich um die imposante Kirche aus dem 13. Jahrhundert. „Mit Fell- und Lachshandel sind die Leute reich geworden. Aber als nach der Reformation jeden Sonntag Kirchzwang bestand, hatten viele auf den abgelegenen Höfen ein Problem“, erklärt Rönneblom. So entstanden wie hier überall in Nordschweden die Kirchstädte, in denen man die Nacht vor den Gottesdiensten verbrachte, Nachrichten austauschte und Ehen schloss. Gammelstad zählt heute zum Welterbe der Unesco.

Auch, wenn die Eigentümer nicht mehr jedes Wochenende anreisen, sieht es bei einem Blick durch die Sprossenfenster vielfach so aus, als wäre schon für Besucher zum Kaffee gedeckt.

Der Autor reiste mit Unterstützung von Visit Swenden.