Ein Friedhof fürs Image, Pubs für die Stimmung

USA : Ein Friedhof fürs Image, Pubs für die Stimmung

Exzessiv wie sonst nirgends in den USA wird in New Orleans das Leben gefeiert. Doch auch der Tod wird geehrt – mit einer Bestattungskultur, die ihresgleichen sucht.

Die bleierne Schwüle tut der Stimmung auf New Orleans’ Bourbon Street keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil: Das Klima an der Golfküste befeuert die Ausgelassenheit noch. Vor Strip Clubs wie dem „Bourbon Bad Boys“ stehen oberkörperfreie Beaus und locken mit ihren Reizen die Passanten in ihr Etablissement – und einige vorbeiflanierende Damen revanchieren sich, indem sie vor den Koberern ihre Oberteile lupfen. Im French Quarter zeigt man, was man hat. Eine Horde junger Männer johlt, die ebenfalls anwesende Marching Band spielt passenderweise einen Tusch und der Tross zieht weiter.

Ausgelassene Partys waren
schon imer Teil dieser Stadt

Die nächste Bar ist nicht weit: Mit halbvollen Plastikbechern geht es nur bis zur nächsten Tür. House-Musik wummert aus dem Club, ein Mann wankt heraus. Ein paar Polizisten schauen sich das Treiben seelenruhig an, wann sie eingreifen würden, ist unklar. Jetzt zumindest nicht, die Ordnungsmacht steht für die Feiernden Spalier.

„Das ist normal“, sagt Lisa Blount, deren Mann Rick in fünfter Generation das Edelrestaurant „Antoine‘s“ an der St. Louis Street leitet. Die Geschäftsfrau erinnert sich, dass die ausgelassenen Partys schon immer Teil des Lebensgefühls dieser Stadt waren. Vor allem zu Mardis Gras, dem extravaganten Straßenkarneval. Dann stehen sie in dichten Menschentrauben auf den mit Blumen geschmückten Balkonen, halten sich an den gusseisernen Balustraden fest und jubeln dem Partyvolk zwei Stockwerke tiefer zu. So geht es jeden Tag, jeden Abend, jede Nacht. In New Orleans hat der Hedonismus eine Heimat. „So sind wir eben“, sagt die blonde Endvierzigerin, „jeder Tag könnte schließlich der Letzte sein.“

Wie nah das Ende sein kann, erfuhr die Stadt im August vor 14 Jahren. Mit dem Hurrikan Katrina wütete eine der schlimmsten Naturkatastrophe in der amerikanischen Geschichte an der Golfküste – mit verheerenden Folgen für New Orleans. Die vom Mississippi und dem nahen Lake Pontchartrain eingekesselte Stadt liegt wie in einer Mulde unter dem Meeresspiegel. Als die Deiche die Regenmassen nicht mehr halten konnten, soff die Stadt ab. Mancherorts stand das Wasser sieben Meter hoch, tausende Gebäude wurden zerstört, 1863 Menschen starben, Hunderttausende kehrten nach der Evakuierung nicht zurück. Die verbliebenen Einwohner bauten New Orleans wieder auf – und das Leben kehrte zurück in die Stadt der Sünde.

Dennoch hat auch der Tod seinen Platz in New Orleans. Wer an der Poydras Street, nur ein paar Blöcke südlich vom French Quarter, in die Straßenbahn steigt und in Richtung Faubourg im Süden fährt, taucht ein in eine andere Welt. Die Hochhäuser des Central Business Districts machen von Haltestelle zu Haltestelle immer mehr luxuriösen Villen Platz, die Straßen sind breit und sauber, uralte Eichen säumen die Alleen.

Willkommen im Garden District – dort riecht es nicht nach Verfall, sondern  nach Geld. „Das ist Trump-Country“, sagt Jane Orr, und rümpft verächtlich die Nase. Die rastlose Rentnerin meint weiße, alte und steinreiche Männer, die sich in ihren mondänen Trutzburgen vom Rest der Welt abschotten und  alles kaufen können, was sie wollen.

Nur ein Platz auf dem beliebtesten Friedhof der Stadt bleibt ihnen verwehrt. „Gern würden die hier auf dem Lafayette Cemetery No. 1 liegen“, sagt Jane Orr und lehnt sich an ein drei Meter hohes steinernes und verwittertes Grab, „aber da können die lange warten.“

Der Friedhof war einst für Arbeiter der Baumwollplantagen

Der 1833 gegründete Totenacker ist wegen Überfüllung geschlossen. Die mehr als 2000 Grabbauten sind lebenslang im Familienbesitz, nur selten werden sie neu vergeben. Experten  gehen davon aus, dass manche Gräber die Überreste von bis zu 60 Menschen beherbergen.

Einst war der Friedhof lediglich die letzte Ruhestätte für Arbeiter einer nahen Baumwollplantage. Anfangs handelte es sich um Kriminelle, die dem Herzog von Orleans für seine neue Besitzung Louisiana aus dem Mutterland Frankreich geschickt wurde. Doch der Herzog forderte große, stämmige und handwerklich geschickte Arbeiter – und warb daraufhin viele Deutsche an, was man auch an den Inschriften der Gräber erkennen kann. Namen wie Schmidt oder Bauer sind oft zu lesen, auch die Müllers liegen hier. Die Deutschen waren beliebt, wie Jane Orr weiß. „Sie schafften es als Erste, im sumpfigen Mississippi-Delta Nutzpflanzen zu ziehen.“ Der Sumpf, darum drehte sich einst alles in  dieser Stadt – und der unsolide Boden war auch der Grund für die einzigartige Friedhofskultur von New Orleans. Eine Erdbestattung schien nicht möglich, die Angst vor Seuchen war zu groß. Also bestatteten die Einwohner überall in der Stadt ihre Verstorbenen in Mausoleen, einzigartigen Tempeln des Todes, die mit ihren Intarsien heute einen enormen Status versprühen. „Wer hier begraben liegt, hat mehr erreicht als wenn er in einer der Villen in der Nähe wohnt“, sagt die Fremdenführerin.

St. Louis-Cemetry No.1 ist
der älteste Friedhof der Stadt

Doch die Warteliste ist lang, und wer beerdigt werden will, weicht auf einen der zahlreichen anderen Friedhöfe der Stadt aus, alle davon mit oberirdischen Mausoleen besetzt. Einer der berühmtesten ist der St. Louis-Cemetery No.1, der älteste Friedhof der Stadt nahe dem French Quarter. Das Grabfeld ist nicht nur wegen seiner „Bewohner“ wie Voodoo-Priesterin Marie Laveau, oder diversen Industriellen berühmt, sondern vor allem wegen seiner Hollywood-Präsenz. Braucht die Traumfabrik ein skurriles und morbides Ambiente als Kulisse, surren in schöner Regelmäßigkeit die Kameras. Dennis Hopper und Peter Fonda nahmen im Schatten der Gräber für „Easy Rider“ LSD, Robert de Niro und Mickey Rourke drehten „Angel Heart“, und selbst die Boygroup New Kids on the Block ließ sich für ein Musikvideo vor den Gräbern der Nekropole in Szene setzen.

Manchmal treibt es selbst Hollywood zu bunt, wie Orr meint. So hat sich Schauspieler Nicholas Cage auf dem St.-Louis-Cemetery No.1 zum 50. Geburtstag ein Grab gegönnt, auch wenn er es mit dem Einzug wohl nicht so eilig hat. Die letzte Ruhestätte des Mimen, eine mannshohe Pyramide aus weißem Marmor, ragt zwischen den anderen Prachtbauten klar hervor. Ein zur Schau gestellter Hedonismus und eine Exzentrik, die der alten Dame überhaupt nicht passt. „Typisch Stars“, sagt sie und kann sich ein schiefes Lächeln nicht verkneifen. „Die müssen immer übertreiben.“

Die Reise wurde unterstützt vom Fremdenverkehrsamt New Orleans.

Mehr von Westdeutsche Zeitung