Die Insel am Ende der Welt

Australien : Die Insel am Ende der Welt

Für viele Deutsche bedeutet der australische Kontinent schon eine sehr weite Reise. Doch hinter Down Under, ein Stück weiter in Richtung Antarktis, liegt das wahre Ende der Welt: Tasmanien.

Wenn Seemann Robert Pennicott im Hafen der tasmanischen Hauptstadt Hobart aufs Meer blickt, hat er das Gefühl, über den Tellerrand der Erde zu schauen. „Der einzige Ort, der südlicher liegt als wir, ist die Antarktis“, sagt er, während ein kalter Wind sein Haar zerzaust. Wie eine abgebrochene Pfeilspitze liegt die 68 400 Quadratmeter große Insel zwischen dem heißen australischen Kontinent und der eisigen Südpollandschaft.

Tasmanien wird auch
„Arche Australiens“ genannt

Der Westwind hat eine 10 000 Kilometer lange Reise von Argentinien rund um die Erdkugel hinter sich, bis er in Tasmanien erstmals auf Land trifft. Deshalb werden der Insel die reinste Luft und das klarste Wasser der Welt nachgesagt. „Ich bin schon viel herumgekommen, aber so sauber wie hier ist es nirgends“, bestätigt Robert Pennicott. „Nur von den Robben an den steilen Felsküsten sollte man sich fernhalten. Sie sehen zwar putzig aus, aber sie stinken gewaltig.“

Wegen der Abgeschiedenheit bezeichnet Greg Irons, Direktor der Bonorong Wildlife Sanctuary bei Hobart, Tasmanien auch als „Arche Australiens“. „Weil es keine Verbindung zum Festland gibt, leben hier viele Tierarten, die auf dem Kontinent längst ausgestorben sind.“ Das bekannteste Tier der Insel ist der tasmanische Teufel, ein schwarzer Raubbeutler von der Größe einer dicken Katze, der seinen Namen völlig zu Unrecht trägt. „Er hieß schon so, bevor er zum ersten Mal gesichtet wurde“, erklärt Irons, „und das nur, weil die ersten Europäer seine Schreie im Busch gehört und als teuflisch bezeichnet hatten.“

Das ungewöhnlichste Lebewesen an Tasmaniens Bachläufen ist das Schnabeltier, ein eierlegendes Säugetier, das an Fabelwesen aus der Urzeit erinnert. Tatsächlich wachsen im Cradle Mountain – Lake St. Clair Nationalpark, einem Teil des Unesco-Welterbes Tasmanische Wildnis, noch heute Pflanzen, die es schon auf dem Urkontinent Gondwana gab.

Mehr als einen Tag dauert die Reise von Deutschland in den kleinsten australischen Bundesstaat. Wer so lange unterwegs ist, hat schon im Flugzeug das Gefühl, ans Ende der Welt zu reisen. Im tasmanischen Hinterland angekommen, müssen Autoreisende oft feststellen, dass es dort irgendwann wirklich nicht mehr weitergeht. Im bergigen, unberührten Westen bietet Anthony Coulson von Roamwild Tasmania daher geführte Buschtouren an. „Wir nennen die Gegend ,das Ende der Welt´, weil die Straßen im Nichts enden. Dahinter liegt nur noch Wildnis.“

Der Mount William Nationalpark war einst die Heimat des tasmanischen Aborigine-Stamms der Palawa. Heute führt Clyde Mansell, einer der Stammesältesten, Wanderer auf dem Wukalina Walk zur magischen Bay of Fires, wo sich Felsen in leuchtendem Orange wie Flammen über den weißen Strand ziehen.

Ian Johnston bringt Wandergruppen zu einem der einsamsten Orte vor der Ostküste. „Die Bevölkerung von Maria Island besteht aus zwei Park-Rangern, sonst ist hier niemand“, sagt der Mann, der die abenteuerliche Wanderstrecke „Maria Island Walk“ ins Leben gerufen hat. „Wir haben die Erlaubnis bekommen, mitten in der Wildnis zwei Zeltlager aufzuschlagen. Die letzte Nacht verbringen wir in einer denkmalgeschützten Sträflingsunterkunft.“

Im 19. Jahrhundert waren mehr als 70 000 Strafgefangene aus Großbritannien ins ferne Tasmanien verbannt worden, das damals noch Van-Diemens-Land hieß. Die Ruinen der einstigen Sträflingskolonie Port Arthur am Südostzipfel der Insel gehören heute zum Unesco-Welterbe. „Port Arthur war ein Gefängnis für die, die in Tasmanien erneut straffällig wurden“, erklärt der Historiker James Westcott. „Dort wurde die neunschwänzige Katze eingesetzt, mit der man 100 Schläge auf den Rücken geben konnte. Die Gefangenen blieben oft 30 Tage in Einzel- oder Dunkelhaft.“

Nicht viel besser ging es den verurteilten Frauen, die nahe Hobart in einer Haftanstalt mit dem euphemistischen Namen „Female Factory“ (Frauenfabrik) untergebracht waren. Viele der Gefangenen, die oft aus ärmlichen Verhältnissen stammten, schafften es jedoch, sich nach ihrer Entlassung ein neues Leben aufzubauen. Von ihnen stammt ein Großteil der heutigen Bevölkerung ab.

„Ich habe mindestens vier Strafgefangene in meinem Stammbaum. Einer wurde 1792 nach Sydney deportiert, ein anderer 1830 nach Tasmanien“, erzählt Greta McDonald, die in dem einstigen Frauengefängnis als Museumskuratorin arbeitet. Da die Verurteilten die Insel zu dem gemacht haben, was sie heute ist, hadert sie nicht mit ihrer Herkunft. „Wir schämen uns nicht mehr, dass unsere Vorfahren hierher verbannt wurden. Viele Tasmanier sind sogar stolz, von Häftlingen abzustammen.“

Auch mit der Insellage fern der westlichen Welt haben sich die Einheimischen abgefunden. Alec Wilson, Naturführer in den Cradle Mountain Canyons, der mitten im Busch bei Scotsdale aufwuchs, liebt die Einsamkeit. „In der tasmanischen Wildnis kann man so richtig allein sein. Sie kommen an wunderschöne Orte, die Sie ganz für sich haben.”

Für den Whiskeybrenner Bill McHenry, der in einer abgelegenen Waldhütte bei Port Arthur ohne Strom, Bad und Toilette lebt, ist die Abgeschiedenheit ein Segen. „Weil wir so isoliert sind, müssen wir uns auf unsere Freunde verlassen können. Das führt dazu, dass jeder Teil einer einzigartigen Gemeinschaft ist, auf die man immer zählen kann.“

Die Autorin reiste mit Unterstützung von Tourism Tasmania.

Mehr von Westdeutsche Zeitung