Brüllaffen und Delfine - Eine Campingtour im Dschungel Perus

Iquitos (dpa/tmn) - Iquitos ist eine Anomalie. Der abgelegene Vorposten der Missionare im peruanischen Regenwald ist auf mehr als 400 000 Menschen angewachsen.

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Es ist die größte Stadt der Welt, die nur per Boot und Flugzeug zu erreichen ist. Der Grund dafür war ein Kautschuk-Boom. Dann wurde Öl gefunden, heute floriert die Holzindustrie - und nun auch der Tourismus.

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Rings um Iquitos wurden in den vergangenen zehn Jahren Lodges in den Wald gebaut, eine Flotte von Kreuzfahrtschiffen schippert heute über die Flüsse. Dazu kommen die jungen Rucksackreisenden, für die Iquitos ein Fixpunkt auf der großen Tour durch Südamerika geworden ist.

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Ich buche vier Tage im Regenwald, mit einem einfachen Camp als Basislager. Mein Guide wirkt erfahren und verlässlich: Asuncion Perez, 50, stammt aus dem Dorf Yanamono, sechs Stunden flussabwärts.

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Das Miniabenteuer beginnt mit der Fahrt ins 100 Kilometer entfernte Nauta. Am Ufer des Marañon liegen Langboote vertäut, die Touristen ins Naturreservat Pacaya-Samiria bringt. Träger schleppen kistenweise Limonade an Bord, Berge von Bananen, palettenweise Eier.

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Als alles verladen ist, tuckern wir den Marañon stromabwärts. Das Ufer zieht in hübscher, tropengrüner Eintönigkeit vorbei. Ibisse lauern in der Böschung. Nach einer Stunde biegt das Boot rechts in den Río Ucayali. Und bald darauf stößt die erste Rückenflosse aus dem braunen Wasser und zerstreut die Schläfrigkeit an Bord. Flussdelfine!

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Der Kapitän drosselt den Motor, schnell sind wir eingekreist von einer Delfinschule. Wir bleiben eine Viertelstunde, dann wirft der Kapitän den Motor an und steuert in Richtung Basislager. Die Häuser der Dörfer stehen auf hohen Stelzen - anders als der Unterstand, der die kommenden Tage mein Zuhause sein wird: ein windschiefes Gebälk, darauf ein Dach aus Palmblättern. Als Urwaldcamp geht es nur mit viel gutem Willen durch: Es steht auf dem Bohnenfeld des Kapitäns.

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Während der Kapitän das Abendessen kocht, führt uns Perez hinein ins Grün. Er trägt Gummistiefel, die manchmal bis zu den Knöcheln im Schlamm versinken. Mit der Machete bahnt er den Weg. Das Ziel der Schinderei ist ein See, auf dem die wohl schönste Wasserpflanze der Welt wächst: Victoria amazonica, die Amazonas-Riesenseerose. Dutzende der grünen Teller bedecken das Wasser, manche mit einem Durchmesser von zwei Metern. Dazwischen leuchten zartrosa Blüten.

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Die Nacht kommt schnell in den Tropen. Als wir die Uferböschung hinabklettern, wartet der Kapitän schon auf dem Boot mit gekochtem Fisch, Reis und Tomaten. Gemessen an den Umständen ein ausgezeichnetes Dinner, serviert in Logenlage: Über Fluss und Urwald geht die Sonne unter und lässt die Ränder der Wolken rot glühen.

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Wir setzen über zum Camp am anderen Ufer. Reiher flattern auf, als sich das Boot in den Schlamm bohrt. Perez legt eine dünne Matratze unter das Schilfdach und spannt ein Moskitonetz auf. Es dauert nur ein paar Minuten - Zeit genug für einen Schwarm Mücken, der mit der Dämmerung über uns herfällt. Hinter dem Netz lärmt die Armee der Vampire. Der Schlaf kommt schnell wie die Nacht.

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Perez Stimme weckt mich, als die rote Sonne aus dem Morgennebel steigt. Der Guide hackt sich durchs Unterholz. Trotz seiner Vorarbeit ist das Wandern mühsam: Immer wieder muss man sich ducken, verfängt sich ein Schuh in einer Lianenschlinge, ritzen Dornen die Haut. Der Schweiß strömt. Aber der Regenwald ist die Mühsal wert.

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Alte Ficus-Bäume breiten ihr Blätterdach über uns aus, Bromelien hängen von den Ästen. Schwarze Hornwehrvögel starten mit schwerem Flügelschlag und empört oinkend, als wir ans Ufer eines Sees treten. Perez zeigt auf eine Rinne in der Erde. „Das war eine Anakonda.“

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Wir rasten auf einer Lichtung. Perez zeigt mir einen Strichcode von Narben auf seinem Unterarm. „Als ich ein Junge war, hat mir von meinem Großvater das Gift eines Frosches gespritzt, damit ich stark werde.“ Touristen bezahlten 150 Soles für eine Spritze des „Indio-Viagras“, sagt Perez. Er zählt seine Narben, sieben Injektionen. Deshalb könne er zehn Stunden durch den Wald laufen, ohne müde oder durstig zu werden. Eine Flasche hat der stolze Halb-Inio nicht dabei. Bei der nächsten Pause bittet er mich wie selbstverständlich, von meinem Wasser zu trinken.

Perez ist ein Schwätzer, aber eines muss man ihm lassen: Er kennt den Wald und spürt auch die scheusten seiner Bewohner auf. Den Nachtaffen, der an einem Ast hängt und dösig herab schaut. Den Ameisenbär, der sich in einen Baumstamm gekrallt hat. Und den Brüllaffen, der besonders schwer zu finden ist.

Wir stapfen zurück. Dunkle Wolken quellen am Himmel. „Nein, heute regnet es nicht“, sagt Perez. Minuten später fallen dicke Tropfen. Ich rutsche auf einem Baumstamm aus. Ameisen beißen in meine Hand. Wir stapfen weiter, erschöpft und triefend. Ich habe meine Lektion gelernt. Der Regenwald ist wunderschön. Aber nicht mein Revier.

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