Berlin mit den Augen eines Berliners entdecken

Berlin (dpa) - Touristen erkunden gerne das Berlin jenseits der Museen und Souvenirläden. Die „Berlin Greeter“ nehmen die Besucher dabei an die Hand und zeigen ihnen die Stadt aus einer ganz persönlichen Perspektive.

Verwundert stehen die beiden Australier in dem kleinen Wäldchen mitten in Berlin. Bess Moylan (43) zeigt auf die Vogelhäuschen in den Prinzessinnengärten in Kreuzberg und fragt nach der Bedeutung dieser Holzkästen mit Loch. „Ach so“, lacht sie nach der Erklärung: „Bei uns bauen die Vögel Nester.“

Die Antworten auf alle Fragen der beiden Touristen weiß Hans Strömsdörfer. Eigentlich wollte er gerade zeigen, wie ein nachbarschaftliches Garten-Projekt funktioniert. Wie alle Pflanzen in Kisten wachsen, damit sie problemlos an den nächsten Ort transportiert werden können, falls die kurzfristigen Verträge der Hobby-Gärtner mal nicht verlängert werden sollten. Doch zunächst klärt er über Vogelhäuschen auf.

Strömsdörfer ist ein freiwilliger „Berlin Greeter“. Der 29-Jährige, der seine Mütze lustig schräg auf dem Kopf trägt, bietet Spaziergänge durch die Stadt an. „Aber wir sind keine Tour-Guides“, betont Strömsdörfer. Für jeden Besucher denkt er sich ein individuelles Programm aus, jeder Gast darf seine eigenen Wünsche formulieren. Und jeder bekommt ganz persönliche Berlin-Geschichten zu hören.

Die Idee, Besuchern wie einem Freund die Stadt zu zeigen, entstand 1992 in New York. „Momentan schwappt es über den Globus“, sagt Philipp Wilimzig, der die „Greeter“ in der deutschen Hauptstadt zusammen mit Stefanie Jost gegründet hat. Die Berliner sind das jüngste Mitglied im „Global Greeter Network“, das momentan 23 Städte umfasst. 250 weitere entstünden gerade, sagt Wilimzig, darunter Mannheim, München, Hamburg und Bremen.

„Sonst hat man im Urlaub immer nur den Reiseführer für die Sehenswürdigkeiten“, sagt Jost, „mit einem Greeter bekommt man ein ganz anderes Gefühl für die Stadt“. Jeder „Greet“ laufe anders ab. Einmal zum Beispiel hätten die Besucher stundenlang in einer Kneipe Anekdoten über den Prenzlauer Berg gelauscht, weil die Kälte draußen einen langen Spaziergang unmöglich machte. Ein andermal fragte eine Familie nach Plätzen in Berlin, wo sie Ostereier suchen kann.

Wer einen „Greeter“ treffen will, muss zuerst in einem Formular auf der Homepage angeben, welche Sprache er spricht und was ihn interessiert. „Wenn wir den Eindruck haben, da will jemand Berlin nur von außen sehen, dann verweise wir auf professionelle Stadtführungen - was wir vermitteln, sind Begegnungen“, sagt Jost.

Das australische Pärchen hat Strömsdörfer geschrieben, dass es etwas über Nachhaltigkeit und Nachnutzung erfahren möchte. „Wir haben gehört, dass es in Deutschland viele umweltfreundliche und langfristige Konzepte gibt. Davon wollten wir etwas in der Praxis sehen“, sagt Lachlan Anderson (39). Strömsdörfer beschließt, sie zum Tempelhofer Feld zu führen. Doch lässt er es sich nicht nehmen, den beiden zuvor noch den Kontrast zwischen dem bunten Leben auf der Neuköllner Karl-Marx-Straße und der Ruhe im direkt daneben liegenden Rixdorf zu zeigen. Auch seine türkische Lieblings-Konditorei liegt wie zufällig auf dem Weg.

Auf dem alten Flughafengelände staunen Anderson und Moylan darüber, wie schnell der Teer aufbricht und sich die Natur die Rollfelder zurückholt. Auf einem der Besuchertürme am Rand des weiten Felds diskutieren die drei die „Tonnen von Ideen“ zur Weiternutzung, während Inline-Skater, Kiteboarder, Jogger, Radfahrer und Spaziergänger vorbeikommen. Strömsdörfer sagt, dass die Berliner das Feld schon jetzt nicht mehr hergeben wollen. „Das ist einer der coolsten Plätze, die wir derzeit in Berlin haben. Ich hatte wundervolle Picknicks hier.“

Die „Berlin Greeter“ haben täglich Anfragen aus aller Welt, weswegen sie dringend weitere Freiwillige suchen. Für Stefanie Jost sind es die persönlichen Erfahrungen, die sie anspornen. „Wenn Leute nach Berlin kommen und sagen, "stimmt, das ist eine tolle Stadt" und das in die Welt hinaustragen, dann habe ich etwas für die Stadt getan.“

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